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: Als wären es Brocken des Gesetzes

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Als der niederländische Multilinguist und Expolitiker Onno Quist in Begleitung seines Sohnes Quinten an einem Junitag des Jahres 1985 in Fiumicino zum El-Al-Flug nach Tel Aviv eincheckte, hatte er im Handkoffer Steine dabei.

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          Als der niederländische Multilinguist und Expolitiker Onno Quist in Begleitung seines Sohnes Quinten an einem Junitag des Jahres 1985 in Fiumicino zum El-Al-Flug nach Tel Aviv eincheckte, hatte er im Handkoffer Steine dabei. Der Gepäckkontrolle erklärte er sie als "atmosphärische Evokation der Gralssage", Werk eines jungen deutschen Künstlers namens Anselm Buchwald. Alle Leser von Harry Mulischs Roman "Die Entdeckung des Himmels" wissen, daß die Steine etwas ganz anderes waren: Vater und Sohn sind unterwegs mit den Gesetzestafeln vom Berg Sinai. Wenigen Menschen ist es vergönnt gewesen, die Gesetzestafeln in Händen zu haben. Die Pilger müssen sich mit weit indirekteren Brocken vom Heiligen begnügen (Susan Weingarten, "And this shall be a Token to Thee. Lapis Sinaiticus in Jewish and Christian Traditions", Journal of Jewish Studies, Bd.54, Heft 1, Oxford 2003).

          Die Rede ist hier nicht von den Tafeln des Testimoniums, sondern schlicht von einem bestimmten Wüstengestein, das im Umkreis des Katharinenklosters auf dem Sinai auftritt und das der Geologie als Dendriten bekannt ist: eine durch Oberflächenablagerung oder Einschluß verursachte Kristallisierung von Manganoxyden im rötlichen oder ockergelben Gestein, die ein verzweigtes schwärzliches Muster ergibt. Weingartens Thema ist die Reaktion jüdischer und christlicher Sinaireisender auf dieses Naturphänomen über achthundert Jahre, ihre Pointe der wesentliche Unterschied der beiden kulturellen Systeme in ihrer Reaktion auf ein Zeichen des Heiligen an einem irdischen Ort.

          Dieselbe Pointe macht Mulisch vermittels seines kalvinistischen Sozialisten Onno Quist, der mit Süffisanz erlebt, wie im papistischen Rom ein Ausbruch von Objektreligiosität seinen versehentlich zurückgelassenen Spazierstock in dem Augenblick zur Mitte der Welt erhebt, als er und sein Sohn das wahre Allerheiligste der Stadt entführt haben. Bei Onnos Brüdern im Buchglauben wird es umgekehrt sein: Niemand in Jerusalem (außer Gott) nimmt Notiz von den Steinen, die sich am Ende vom Ende denn auch jeder Stofflichkeit entäußern.

          Ähnlich unstofflich ist bei Weingarten der jüdische Sinai. Heilig ist das Gesetz, nicht der Ort, an dem es gegeben wurde, und das Gotteswort an Moses: "Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr Gott auf diesem Berg verehren" (Ex 3,12) ließ sich so problemlos auf Zion übertragen, daß sich die jüdische Tradition nicht einmal bemühte, einen bestimmten Wüstengipfel als Sinai/Horeb zu identifizieren. Ganz anders reagierte das Christentum, nachdem es im vierten Jahrhundert begonnen hatte, die irdische Offenbarung Gottes in Palästina topographisch zu sichern. Das Kloster am Sinai ist bekanntlich an Anciennität ununterbrochenen Kults allen anderen Kirchen voraus.

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