https://www.faz.net/-gqz-12evf

Adornos Kritiken 1933 : Tarnung

  • -Aktualisiert am

Theodor W. Adorno Bild: picture-alliance / dpa

Gab Adorno seine intellektuelle Integrität preis, als er sich entschloss, nach der Machtergreifung im Jahr 1933 in Deutschland Musikkritiken zu veröffentlichen? Hartmut Scheible über Adornos Taktik, den politischen Jargon zu unterlaufen.

          3 Min.

          Aus den Musikkritiken, die Adorno nach dem 30. Januar 1933 veröffentlichte, geht hervor, dass er zwar bereit war, sich bei der Beurteilung des offiziellen Musiklebens so weit wie möglich zurückzuhalten, da er auch nach der Machtergreifung in Deutschland zu bleiben versuchte, nicht jedoch dafür wirklich „jeden Preis“, das Opfer der moralischen und intellektuellen Integrität eingeschlossen, zu bezahlen.

          Er entwickelte daher die Taktik, in seinen Artikeln einige Begriffe aus dem offiziellen politischen Vokabular so zu verwenden, dass bei oberflächlicher Lektüre der Eindruck entstehen könnte, er habe sich den Machthabern angepasst. Tatsächlich jedoch haben die fragwürdigen Begriffe durch den neuen Zusammenhang, in den sie getreten sind, nur noch den bloßen Wortlaut mit den propagandistischen Vokabeln gemeinsam, ihr Sinn hat sich ins Gegenteil verkehrt.

          Eine Art Selbstgleichschaltung?

          Adornos Vorliebe für dieses Verfahren hängt zweifellos mit seiner ästhetischen Grundüberzeugung zusammen, dass es zwar im Kunstwerk nichts gebe, was nicht aus der außerästhetischen Realität stammte, dass aber kein Element der Wirklichkeit, nachdem es einmal zum Moment innerhalb des ästhetischen Verweisungszusammenhangs geworden ist, unverwandelt bleibe. Natürlich ist damit auch die Möglichkeit des Misslingens gegeben, dann nämlich, wenn die „Verwandlung“ des Materials nicht vollständig gelingt. Das ist der Fall bei der Besprechung von Herbert Müntzels Zyklus für Männerchor „Die Fahne der Verfolgten“ (nach einem Gedichtband von Baldur von Schirach). Die Rezension, im Wintersemester 1962/ 63 von der Frankfurter Studentenzeitung „Diskus“ der Vergessenheit entrissen, bewog Hannah Arendt zu dem Vorwurf, Adorno habe versucht, sich selbst „gleichzuschalten“, um sich bei den Machthabern anzubiedern.

          Tatsächlich heißt es in dem Artikel, der Zyklus sei „bewußt nationalsozialistisch markiert“; zu allem Unglück stellt Adorno dann auch noch fest, es werde dem Bild einer neuen Romantik nachgefragt; vielleicht von der Art, die Goebbels als „romantischen Realismus“ bestimmt hat. Möglicherweise hat Adorno hier seine Technik des verwandelnden Zitats überstrapaziert, sich selbst gleichgeschaltet hat er nicht. Denn die auf diese einleitenden Bemerkungen folgende musikalische Analyse ist in ihren Ergebnissen so eindeutig, dass die Berufung auf den Goebbelsschen Begriff für den verständigen Leser als Tarnung erkennbar wird.

          Oberflächenvokabeln

          Die Maxime von Karl Kraus: „Satiren, die der Zensor versteht, werden mit Recht verboten“, wird von Adorno vermittels einer Technik realisiert, die unverkennbar der Musik entlehnt ist: Die propagandistischen Vokabeln bilden eine Oberflächenstruktur, deren leicht fasslicher, den Eindruck von ideologischer Zuverlässigkeit erzeugender Sinn indessen durch die argumentative, gleichsam motivisch gearbeitete Tiefenstruktur dementiert wird. Da der potentielle Zensor mit seinem in Konventionen und Vorurteilen befangenen Bewusstsein sich an immer wiederkehrende, unveränderliche Stereotypen klammert, ist er unfähig, einen wirklichen Sinnzusammenhang zu konstruieren; mithin ist die Gefahr gering, dass er der Tiefenstruktur und damit der eigentlichen Bedeutung des Textes habhaft wird.

          Im Vertrauen hierauf kann dem Goebbels-Zitat eine Bemerkung folgen, die Müntzels Verfahrensweise kritisch eingrenzt. „Es ist selbstverständlich, daß im Hintergrund von Müntzels Bemühen die tödliche Auseinandersetzung zwischen dem Drang, verständlich und ,unmittelbar' zu werden, und den Anforderungen an rein innerkompositorische Legitimität steht.“ Das bedeutet im Klartext: Müntzel hat zwar, wie Schönberg, bei der spätromantischen Harmonik angesetzt (er ist also nicht, wie Adorno ihm ausdrücklich bestätigt, hinter den Entwicklungsstand des musikalischen Materials, von dem auch Schönberg ausging, regrediert), aber um Verständlichkeit und vermeintlicher Unmittelbarkeit willen schreitet er nicht zur „Emanzipation des Dissonanz“ (Schönberg) fort, sondern er geht einen Kompromiss ein, durch den er in Widerspruch zur ästhetischen (und das heißt für Adorno zugleich: zur geschichtlichen) Legitimität gerät. Adorno lässt keine Zweifel daran, wie sich nach seiner Einschätzung dieser Kompromiss auf das Schaffen des Komponisten auswirken wird: „tödlich“. Das ist ein indirekt formuliertes, in der Sache jedoch eindeutiges Bekenntnis zu Schönberg und seiner Schule.

          Ein Moment des Spielerischen, der Freude an der eigenen intellektuellen Überlegenheit ist bei diesem Verfahren unverkennbar; es hängt zusammen mit Adornos relativ lange durchgehaltener Weigerung, die vorübergehend zur Macht gelangten entfesselten Kleinbürger politisch ernst zu nehmen. Noch Anfang Juli 1934 plante Adorno, der inzwischen nach London ausgewichen war, für den Herbst einen längeren Aufenthalt in Frankfurt.

          Weitere Themen

          Der Geruch von toter Großmutter Video-Seite öffnen

          Buchmessen-Gastland Norwegen : Der Geruch von toter Großmutter

          Norwegen ist das Gastland der Buchmesse 2019. Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck hat sich im Pavillon umgesehen und ein Land kennengelernt, das stolz auf seine Lesekultur ist. Nur auf Schweden sollte man die Norweger nicht ansprechen.

          Helden in Jogginghosen

          „Don Quijote“ in Berlin : Helden in Jogginghosen

          Zen Quijote von der Mancha: Ulrich Matthes und Wolfram Koch sind Don Quijote und Sancho Panza in Jan Bosses Adaption des Klassikers von Cervantes’ am Deutschen Theater in Berlin.

          Topmeldungen

          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.