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Westliche Moral : Leben und am Leben lassen

Der Anthropologe Didier Fassin lehrt in Princeton und an der Pariser École des Hautes Études en Sciences Sociales. Bild: action press

Der französische Soziologe Didier Fassin verteidigt den Wert des „nackten“ Lebens gegen moralische Überhöhungen - und zeigt seine schockierende Ungleichbehandlung weltweit auf.

          Die Reflexion auf die objektiven Mächte, die das Individuum bis in die vorletzte Faser seiner Existenz durchdringen, brachte Theodor W. Adorno von der Philosophie zur Soziologie. Der Versuch, die empirische Sozialforschung mit philosophischen Konzepten zu verschränken, blieb aber trotz vieler Anläufe Stückwerk, zumal Adorno, der den Konzertflügel mehr als die Werkbank liebte, das empirische Temperament fehlte. Der Staub der Realität war widerständig, und die befragten Industriearbeiter mit ihren Berufsroutinen waren zufriedener, als ihnen der Dozent des unglücklichen Bewusstseins antrug. Was noch nichts heißen mag: Die empirische Selbstauskunft ist nicht die letzte Weisheit der Theorie. Adornos Seminarprotokolle, die gerade am Frankfurter Institut für Sozialforschung ediert werden, belegen jedoch die zähe, unermüdliche Beschäftigung mit dem, was nicht zusammenwachsen wollte: Empirie und Theorie.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          In den Minima Moralia gibt Adorno eine Deutung des Lebens im Moment seines Verschwindens aus der philosophischen Reflexion. Das (heute wieder gefragte) gute Leben, zweifelte Adorno, richtet sich die Philosophie noch daran aus? Und was (Adorno fragt es nicht mehr) macht dieses Leben in seinen unterschiedlichen Formen aus? Der dem deutschen Publikum noch weitgehend unbekannte französische Soziologe Didier Fassin kam auf einem ganz anderen Weg zur gleichen Frage. Fassin begann als Arzt, erforschte das Leben in Favelas, Flüchtlingslagern, amerikanischen Gefängnissen und bot den Verfolgten, Aids-Kranken und Papierlosen dieser Erde in zahlreichen Initiativen seine aktive Unterstützung an.

          Komplettierung der kritischen Theorie durch Fassins ethnographischen Ansatz

          Die Erfahrung von Leid und Unterdrückung initiierte Fassin als Soziologen. Er entdeckte Lukács, Habermas, Adorno. Er fühle sich in Frankfurt wie zu Hause, sagt er, als er im angemessen vermufften Hörsaal IV des Bockenheimer Campus das Podium der diesjährigen Adorno-Vorlesung betritt. Drei Vorträge wird Fassin halten über „Forms, Politics and Ethics of Life“. Am Ende soll die Kluft zwischen dem philosophischen Begriff des Lebens und seinen niederen Artikulationsformen nicht mehr erkennbar sein. Fassins Ansatz, den er als moralische Ökonomie bezeichnet, ist ein theoretisches Hilfswerk des westlichen Humanitarismus, das die dunklen Flecken moralischer Selbstwahrnehmung aufhellen will, ohne die westliche Moral darüber zu verwerfen. Er macht das im Stil der Nouvelle Vague durch die Konfrontation vager Ideen mit harten Bildern aus Südafrika, Palästina, Calais.

          Es gibt eine Kluft in den Bildern und Begriffen des Lebens, sagt Fassin. Der eine beobachtet das Leben in seinen sozialen Schattierungen, der andere in seiner naturalen Form, der Dritte regiert es. Ein geläuterter Logiker wie Wittgenstein löst es in das Spiel ephemerer Existenzweisen auf. Doch auch Wissenschaftshistoriker mit exakten Zielen wie Georges Canguilhem lässt die Reflexion auf die Diskrepanz zwischen seinem sprunghaften individuellen Charakter und der Rationalität, die sie ihm unterstellen, nicht los.

          Fassins ethnophrafischer Ansatz komplettiert die kritische Theorie von unten. Der Grand Campus Abgrund wird zum fliegenden Klassenzimmer. Fassin führt seine Zuhörer in den „Dschungel von Calais“, ein Lager für Flüchtlinge, die nach England wollen und hier zeitweilig toleriert, dann aber vertrieben wurden oder auf der Flucht über den Kanal umkamen. In einer behelfsmäßigen, zeltartigen Behausung trifft er sechs junge Männer. Warum fliehen sie in ein Leben ohne Würde? Sie zeigen ihm Handy-Bilder ihrer Frauen und Kinder, dann Zerstörungen, die Leichen von Verwandten, das eigene zerbombte Haus.

          Biopolitik vernachlässigt den Wert des einzelnen Lebens

          Die französische Migrationspolitik lässt einen Widerspruch erkennen. Migranten stehen zunehmend vor verschlossenen Türen, Asylsuchende werden kaum noch anerkannt. Gleichzeitig bringt ein humanitäres Hilfsprojekt einer wachsenden Zahl von Flüchtlingen den Aufenthaltstitel, der ihnen als politisch Verfolgten verweigert wird. Der neutrale medizinische Nachweis wiegt mehr als das politische Motiv. Fassin stellt nicht nur für Frankreich eine Reduktion der sozialen Lebensform auf die nackte, physische Existenz fest.

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