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Adorno-Preis für Judith Butler : An den Körpern hängt zuletzt doch alles

Judith Butler am Dienstag bei ihrer Dankesrede in der Paulskirche. Bild: Foto Wonge Bergmann

Schlusspunkt unter eine Auseinandersetzung, in der harte Worte fielen: Judith Butler erhält in der Paulskirche den Theodor-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt.

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          „Solidarität mit Israel“ stand auf einigen der hoch gestreckten Tafeln und auf einer anderen „Hamas legitim, Israel Boykott: Bin ich im falschen Film?“. Aber daneben sah man auch andere über den Köpfen gehaltene Zettel, auf denen einfach stand: „Thank you, Judith“. Es war eine ungewohnte Szenerie vor der Paulskirche, in der am Dienstagabend der Theodor-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt vergeben wurde. Zum dreizehnten Mal seit 1977 und in diesem Jahr erstmals an eine Frau, an die in Berkeley lehrende Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Judith Butler.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Mit der Protestkundgebung hatte man rechnen müssen nach den heftigen Angriffen, die vor allem der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, aber auch die Jüdische Gemeinde Frankfurts gegen die designierte Preisträgerin vorgetragen hatten. Als unerträglich und mit der Verleihung dieses Preises unvereinbar, der mit Werk wie Namen des von den Nationalsozialisten als „Halbjude“ zur Emigration gezwungenen Philosophen verknüpft ist, wurde von dieser Seite hingestellt, dass Judith Butler einmal Hamas und Hizbullah als Teil einer „globalen Linken“ bezeichnet hatte und einige Boykottmaßnahmen unterstützt, die den Staat Israel für sein Verhalten gegenüber den Palästinensern, Siedlungspolitik eingeschlossen, unter Sanktion stellen.

          Da nützte kein Eingeständnis von Seiten Butlers, dass die mündliche Äußerung über Hamas und Hizbullah missverständlich ausgefallen war, und auch nicht der stichhaltige Hinweis darauf, dass sie jede Form der Gewalt ablehne (wozu man jederzeit ihre Texte konsultieren kann). Man war und blieb auf Seiten des Zentralrats fest entschlossen, in der Ehrung Judith Butlers einen Skandal zu sehen. Nach der im Kern recht einfachen Logik, die aus der Tatsache, dass sich die Beschuldigte nicht bedingungslos hinter Israel stellt, den Vorwurf des Israel-Hasses und antisemitischer Gesinnung gewinnt. Und Stephan Kramer glaubte im Namen der Juden in Deutschland nicht nur dem Kuratorium des Adorno-Preises mangelnde moralische Standfestigkeit vorwerfen zu müssen, sondern attestierte Judith Butler im selben Atemzug gleich noch „moralische Verderbtheit“, die man von ihrer mit dem Preis gewürdigten philosophischen Arbeit eben nicht trennen könne.

          Die Maßlosigkeit dieses Anwurfs, die man Stephan Kramer nicht einfach nachsehen sollte, einmal beiseitegesetzt, trifft immerhin die Feststellung der Untrennbarkeit von politischer Haltung und akademischem Wirken bei Judith Butler einen richtigen Punkt. Es war das Verdienst der Philosophin Eva Geulen, das in ihrer Laudatio gebührend herauszustreichen. Den Umstand also, dass Butler sich stets mit Verve in aktuelle politische Angelegenheiten verstrickt und für Teile ihres Werks, gerade mit Blick auf ihre breit rezipierten Arbeiten über die Zuschreibung von Geschlechtsidentitäten, die Einschätzung durchaus nicht fernliegt, deren politische Bedeutung stelle die philosophische in den Schatten.

          Eine öffentliche Intellektuelle

          Wozu auch der Nachdruck gut passte, den die Laudatorin auf die öffentliche Intellektuelle Judith Butler legte. Eine Rolle, die natürlich Risiken mit sich bringt. Wobei gar nicht nur an das Heraufbeschwören von Attacken wie diejenigen rund um die Frankfurter Preisverleihung zu denken ist, mit deren Stoßrichtung sich Judith Butler übrigens schon vor einigen Jahren auseinandergesetzt hat. Schließlich führt grundsätzlich kein sicherer Weg von unabschließbaren, zweifellos immer gut gemeinten Überlegungen über eine alle Exklusionen abwehrende demokratische Praxis, wie sie Judith Butlers Leitstern ist, auf das Feld der gesellschaftlich-politischen Realitäten.

          In ihrer Dankesrede, nachdem Kulturdezernent Felix Semmelroth die Urkunde überreicht hatte - Oberbürgermeister Peter Feldmann hatte den Termin bereits lange vor der ausbrechenden Auseinandersetzung um die Wahl der Preisträgerin an ihn delegiert -, legte es Judith Butler nicht auf solche Übergänge an. Ihr Ausgangspunkt war Adornos viel glossierte Bemerkung in den „Minima Moralia“ über die Unmöglichkeit eines richtigen Lebens im (gesellschaftlich) falschen. Nicht so sehr, um Adornos „unbeschädigtes“ Leben in eigene Bestimmungen zu fassen, sondern vor allem, um das Augenmerk auf Voraussetzungen zu lenken, die erfüllt sein müssen, um Fragen eines richtig geführten Lebens allererst Substanz zu geben. Dass zu diesen Bedingungen gehört, „dem Körper seine Existenz zu sichern“, muss man nicht als durchschlagende Einsicht ansehen.

          Körperpolitik

          Aber in dieser für Butler typischen Akzentuierung des Körperlichen kündigten sich kritische Absetzungen bereits an. Zum einen Einwände gegen eine einigermaßen klar zu ziehende Linie zwischen der privaten Sphäre der Reproduktion und dem öffentlichen Raum politischer Intervention (das bekam retrospektiv Hannah Arendt vorgehalten), zum anderen - naturgemäß vorsichtig - gegen Theodor W. Adornos Hang, den „Widerstand gegen die von dem fortgeschrittensten Bewusstsein durchschauten, kritisch aufgelösten Formen einen falschen Lebens“, wie es bei ihm einmal heißt, doch eher nicht auf der Straße, also bei den Körpern, zu verorten. Womit die Verbindung zu aktuellen sozialen Bewegungen und deren Kampf gegen Prekarität geschlagen war. Dass es in ihnen um ein gemeinsames Leben geht, die wechselseitige Verpflichtung von der Idee des guten Lebens nicht subtrahierbar ist, gegen diese Schlusswendung Judith Butlers war nun wirklich nichts vorzubringen. Der Applaus war herzlich, und draußen vor der Paulskirche hatten sich die Demonstranten inzwischen zerstreut.

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