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Moskauer Geisterkonzert : Solospiel

  • -Aktualisiert am

Sag’s mit den Noten D und A: der Bratscher Stanislaw Malyschew spielt „Hundert Tage Einsamkeit“ Bild: privat

Instrumentalsolisten des Moskauer Konservatoriums verarbeiten den Lockdown mit dem Konzert „Hundert Tage Einsamkeit“. So heißt auch das uraufgeführte Werk des Komponisten Wladimir Tarnopolski. Es fasst die Gegenwart in Töne.

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          Der große Saal des Moskauer Konservatoriums, die heilige Halle der russischen Musik, erlebte nach Monaten Zwangspause wieder ein Konzert, bei dem das Publikum freilich nur per Webcam-Direktübertragung dabei sein konnte. Unter dem Titel „Hundert Tage Einsamkeit“ vergegenwärtigten Instrumentalisten vom Ensemble „Studio für neue Musik“, was sich seit dem Lockdown vor mehr als drei Monaten für die Kultur verändert hat.

          Die Virtuosen spielten Solowerke zeitgenössischer Komponisten, die durch die Hallwirkung des leeren Raums umso mehr wie Exerzitien für das kosmische Alleinsein klangen. Die neue Situation, deren Ende nicht abzusehen sei, habe der urbanen Show- und Unterhaltungskultur den Garaus gemacht und werfe den Menschen zurück auf existentielle Fragen, denen die Spaßgesellschaft am liebsten ausweiche, erklärte der künstlerische Leiter des Ensembles Wladimir Tarnopolski.

          Mahnmal der Isolation

          Unter den aufgeführten Komponisten waren drei, die während der vergangenen hundert Tage gestorben waren: der russisch-britische Dmitri Smirnow, der Moskauer Alexander Wustin – beide Corona-Opfer – und Krzysztof Penderecki. Von dem am Konservatorium oft gespielten Penderecki erklang die aufgewühlte Cellosuite, deren ineinander übergehende Kürzestsätze komplexe innere Auseinandersetzungen ohrenfällig machen. Es folgten Klavierstücke aus Smirnows Zyklus „Visionary Heads“, die, inspiriert von William Blakes gleichnamiger Zeichnungsserie, wie bei einer spiritistischen Séance, in freitonal lyrischem bis konstruktivem Duktus mythische Figuren beschwören. In dem „Lamento“ für Posaune von Wustin beginnt das Instrument des Jüngsten Tages eine Melodiephrase, stockt, lotet die Leere durch Fanfarenrufe und Echoformeln aus.

          Der Komponist Tarnopolski, der immer wieder europäische Kollegen ans Konservatorium gebracht hat, hatte jedoch auch selbst ein Werk namens „Hundert Tage Einsamkeit“ geschrieben, das an diesem Abend uraufgeführt wurde. Das Stück für Solobratsche umspielt mit Haltetönen und herzschlagartigen Pizzicati das Quintintervall zwischen D und A und vergegenwärtigt die dahingegangenen Smirnow und Wustin durch die Initialen ihrer Vornamen.

          Das Instrument und die skeletthafte Materialreduktion machen es aber auch zu einer Hommage an Dmitri Schostakowitschs Schwanengesang, seiner Sonate für Viola und Klavier, wobei das kontextstiftende Klavier bezeichnenderweise fehlt. So betrauert der Musiker, der auf eine innovative russische Kultur durch internationalen Austausch setzt, zugleich den Weg in die Isolation, auf dem sein Land immer entschiedener voranschreitet.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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