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Geheimdienst-Doku : Der Mann, der zuviel wusste

  • -Aktualisiert am

Kein Karibik-Urlaub: CIA-Wissenschaftler Olson (links) mit Kollegen auf der Insel Antigua Bild: WDR

Ein Forscher, der mit biologischen Kampfstoffen experimentierte, ein Fenstersturz in den Tod und die CIA: Stoff für eine ARD-Dokumentation.

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          Im November 1953 stürzte der Naturwissenschaftler Frank Olson mitten in der Nacht aus dem Fenster seines Hotels in New York in den Tod. Olson arbeitete für die CIA an geheimen B-Waffen-Programmen. Sein Fall beschäftigt seit einem Vierteljahrhundert die amerikanische Öffentlichkeit. Vor etwas mehr als 25 Jahren brachte die „Washington Post“ die These ins Wanken, dass Olson Selbstmord begangen hatte. Die Zeitung berichtete, dass dem Forscher vor seinem Tod LSD verabreicht wurde. Seitdem kamen immer neue Zusammenhänge ans Licht, die auch die B-Waffen-Programme der amerikanischen Armee in den 40er und 50er Jahren betrafen.

          Der WDR-Journalist Egmont R. Koch schildert den Fall in seinem Dokumentarfilm „Deckname Artischocke“, den das Erste an diesem Montag um 21.45 Uhr zeigt. Der Filmemacher enthüllt zwar hauptsächlich, was seit längerem bekannt ist; das jedoch mit historisch relevanten Zeitzeugen, die bestätigen, was seit geraumer Zeit kolportiert wird: Olson musste sterben, weil er für die CIA ein „Sicherheitsrisiko“ geworden war. Er hatte Dinge gesehen, die ihn schockiert hatten - und er hatte angefangen, sie auszuplaudern.

          LSD als Wahrheitsserum

          Um welche „Dinge“ es geht, das schilderte zuletzt der Historiker Michael Ignatieff im April 2001 in einem ausführlichen Beitrag in der „New York Times“. Olson war einer der Wissenschaftler, die in den 40er Jahren in Fort Detrick im amerikanischen Bundesstaat Maryland an B-Waffen forschten, darunter Anthrax. Die Armee soll dort auch getestet haben, ob sich Drogen wie LSD als Wahrheitsserum bei Verhören eignen. Zu Olsons Aufgaben gehörte es, diese Waffen zunächst an Affen, später auch in freier Natur zu erproben. Die Versuche trugen Decknamen wie „Artischocke“ oder Bluebird“.

          1952: Dr. Frank Olson (links) als Agent des CIA
          1952: Dr. Frank Olson (links) als Agent des CIA : Bild: WDR

          Koch kann Bildmaterial vorweisen, das diese Versuche teilweise dokumentiert. Es stammt aus dem Privatarchiv der Familie, das Olsons Sohn Eric aufbewahrt. Frank Olson war ein begeisterter Hobby-Filmer. Auf 8-Milimeter-Filmen nahm er hauptsächlich Familienszenen auf. Dazwischen finden sich auf den Bändern Bilder von Sprühflügen und von Aufenthalten auf der Karibik-Insel Antigua, wo der Forscher und sein Team Sporen abwarfen, um anschließend deren Verbreitung zu messen. Auf den Bildern scheint Olson seine Aufgabe durchaus Spaß zu machen. Freudig lächelt er auf Antigua in seine eigene Kamera. Dennoch weiß Olsons Sohn in dem Film auch von Skrupeln seines Vaters zu berichten. Vor allem die Versuche an Lebewesen scheinen ihn belastet zu haben. Auf den Filmen sind auch Olsons letzte Auslandsreisen im Sommer 1953 festgehalten.

          Ein Folter-Camp bei Frankfurt

          Diese Reisen sollen einen Wendepunkt in Olsons Leben dargestellt haben. In Deutschland erwartete den Wissenschaftler eine Erkenntnis, die ihn offensichtlich erschütterte: Die amerikanische Armee soll bei ihren Verhören mutmaßlicher Spione, Doppelagenten oder sowjetischer Geheimnisträger Folter und Gehirnwäsche mittels Drogen eingesetzt haben. Diese Verhöre sollen im Camp King bei Frankfurt stattgefunden haben. Als Zeugen für diese Aussage präsentiert der Film einen ehemaligen SS-Mann, der in Camp King tätig war.

          Ein anderer Zeuge, Norman Cornoyer, berichtet, dass Frank Olson nach seinem Besuch in Deutschland „verändert“ gewesen sei. Er habe ihm von Verhören in Deutschland berichtet und gefragt, ob er schon mal einen Menschen habe sterben sehen.

          „Er redet zuviel“

          Inzwischen hatte Olson jedoch einen verhängnisvollen Fehler begangen. Er hatte sich in Europa Angehörigen befreundeter Dienste anvertraut. Damit war der Wissenschaftler für seinen Arbeitgeber zum „Sicherheitsrisiko“ geworden. „Man war der Meinung, er redet zuviel“, sagt ein Zeuge in dem Film.

          Koch untermauert die These, dass Olson ermordet wurde, durch viele Aussagen. Neben Kollegen, die sich in eindeutigen Andeutungen ergehen, kommt der Gerichtsmediziner zu Wort, der die Leiche vor kurzem noch einmal obduziert hat und ebenfalls an einen Mordfall glaubt. Der Hoteldirektor, der Olsons Leiche damals fand, bestätigt, dass Olson vor seinem Tod nicht allein in seinem Hotelzimmer war. Beweisen lässt sich der Mord bis heute nicht.

          Dass die CIA bei dem Film schlechter wegkommt als der Wissenschaftler, der willig für sie tätig war und wissen konnte, auf was er sich eingelassen hatte, war dabei wohl unvermeidlich.

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