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Gegenwartslyrik in der Krise : Guter Rap ist doch auch ein Gedicht

  • -Aktualisiert am

Der Versuch, Poesie in den Alltag der Städte zu bringen, gelang schon vor 18 Jahren nur bedingt. Bild: Picture-Alliance

Bei Slams füllt sie Säle, Musiker verdienen an ihr: Deutschsprachige Gegenwartslyrik wird nur noch als schüchternes Flüstern wahrgenommen. Wie kann sie sich in Schule und Gesellschaft ihre Bedeutung sichern?

          Auf die immer wieder neu gestellte Frage nach der deutschen „Leitkultur“ ist eine Antwort immer noch nicht gefunden. Vielleicht hat man das eigentliche Problem während der lärmenden Debatten verdrängt oder ignoriert: die Grundlagen dieser phantasierten „Leitkultur“, den Zustand von Kultur und Bildung in Deutschland. Die schwächelnde Vermittlung von Lyrik stellt dabei wahrscheinlich einen der sensibelsten Bereiche dar und könnte sogar als Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen verstanden werden. Gleichzeitig ist auch die Lage der Lyrik selbst in der deutschen Gesellschaft prekär geworden. Brüchiger werden die kulturellen Fundamente, auf denen Dichtung und Dichter heute noch wirken können. Gemeint sind nicht das Sterben der freien Buchhandlungen, die Verdrängung von Kleinverlagen oder dünn besuchte Dichterlesungen in – noch immer großzügig verwalteten – Literaturhäusern. Selbst der fast wollüstig beklagte Verfall der Allgemeinbildung scheint lediglich ein Symptom, aber nicht die wichtigste Ursache zu sein.

          Präziser lässt sich Ursachenforschung an den weiterführenden Schulen betreiben. Jenen Einrichtungen also, an denen alle jungen Menschen irgendwann einmal einen inspirierenden Umgang mit Dichtung erlebt haben sollten. Häufig zum ersten Mal, gerade wenn im Elternhaus wohlsortierte Bücherregale fehlen. Und dieses Erleben ist nicht zu unterschätzen. Die geistige Begegnung mit der Dichtung Hölderlins, mit Goethes „Faust“, den Expressionisten oder der Lyrik Celans und Bachmanns, vermag noch immer biographische Weichen zu stellen. Klassische Dichtung ist niemals nur eine Form vergilbter Epochen, sondern ein Ausdruck sprachlicher Hochkultur, die beispielsweise in China noch an kleinsten Dorfschulen vermittelt wird. Dort schärft sie das sprachliche Qualitätsbewusstsein und schafft ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, im gemeinsamen Lernen, Rezitieren und späteren Erinnern.

          Ein Paradoxon der Bildungsgeschichte

          Dichtung kann aber auch menschliche Gefühle mit wenigen Worten vermitteln, weckt dadurch Empathie, birgt das Verstehen und Verstandenwerden in sich. Dichtung baut Brücken zu anderen Zeitaltern, anderen Sprachen und Menschen. Auf wenigen Zeilen lädt sie zu geistigen und seelischen Entdeckungsreisen ein. Gute Lyrik betäubt nicht, sondern fördert die Fähigkeit, sich in andere Menschen und Ereignisse hineinzudenken. Und manchmal fordert Dichtung heraus, selbst zu schreiben, die eigenen Gedanken und Gefühle jenseits der Alltäglichkeit zu artikulieren. Denn sie ist das Ausdrucksmedium, in welchem existentielle Fragen von Leid, Tod, Liebe oder spiritueller Erfahrung am unmittelbarsten verarbeitet werden: In der identifizierenden Lektüre und im eigenen Dichten, das nicht nur in Krisen auch von Menschen ohne lyrische Vorbildung begonnen wird.

          Ein Paradoxon der Bildungsgeschichte ist es jedoch, dass ausgerechnet Schulen die gesellschaftliche Aufgabe übernommen haben, immer neue Generationen an Dichtung heranzuführen: mit Stundentaktung, Klassenarbeiten, Notenzeugnissen. Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein war es der Bildung wenig zuträglich, den Ausdruck geistiger Kreativität von Paukern vermitteln zu lassen, die ihre Sicht der Verse mit Rechthaberei, Rotstift und Rohrstock durchzusetzen wussten. Heute dagegen wird Lehrern eine Rolle als neutraler Lernberater zugedacht, bei der sie auf die Vermittlung von Lyrik verzichten dürfen, falls ihre Schüler die gefragten Kernkompetenzen anders erwerben können. Unterstützend ist eine Mehrheit deutscher Bildungspolitiker in beflissener Ignoranz damit beschäftigt, die verblassenden Reste der Poesie aus den Schulen zu radieren.

          Gewiss: Gegenwartslyrik ist mittlerweile Prüfungsschwerpunkt im Berliner Abitur. Gleichzeitig aber werden dort Gedichte im Bildungsplan der Sekundarstufe I unter der Rubrik „kulturell bedeutsame Texte“ subsumiert: Ihre Behandlung im Unterricht ist nicht mehr verpflichtend. Mehrseitige „Erwartungshorizonte“ bauen – in fast allen Bundesländern – geistige Mauern um Gedichte, die in schriftlichen Abschlussprüfungen analysiert werden. Zweck der „Erwartungshorizonte“ ist es vor allem, die in den zentralen Abiturprüfungen korrigierenden Lehrer gegen juristische Klagen unzufriedener Prüflinge abzusichern. Bereits deren Sprache offenbart, dass es sich bei den Korrekturen nicht mehr allein um die Bewertung von Interpretationen, sondern primär um die Durchführung eines Verwaltungsaktes handelt.

          Gute Dichtung betäubt nicht, sondern baut Brücken zu anderen Zeitaltern, anderen Sprachen und Menschen.

          Im sächsischen „Erwartungshorizont“ zum Deutsch-Abitur von 2017 sollten die Prüfungsteilnehmer ihr Textverständnis „auf Basis ihrer Analyseergebnisse aufgabenadäquat, konzeptgeleitet, sprachlich variabel und stilistisch stimmig“ darstellen. In Baden-Württemberg manifestierte sich enttäuschter Ehrgeiz unlängst sogar in der Online-Petition eines Abiturienten gegen die – aus seiner Sicht – literarische und veraltete Sprache eines Textes im Englisch-Abitur. So wird poetische Literatur – von allen schulisch beteiligten Seiten – stärker denn je zu einem Verhandlungsobjekt um Noten, um den rechnerisch geregelten Zugang zu Studium und Karriere degradiert.

          Meine eigenen Erfahrungen im Unterricht decken sich weitgehend mit diesen Symptomen. Während meiner sechzehnjährigen Tätigkeit als Deutschlehrer gingen nur wenige Schüler das Risiko einer Lyrikinterpretation in schriftlichen Prüfungen ein. Auch sonst stand Lyrik nicht selten unter einem anfänglichen Rechtfertigungszwang als nutzloses Ornament und Refugium weltfremder Träumer. Die wachsende Dominanz der Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik), die Ökonomisierung von Bildung und ein ängstlicher Pragmatismus haben inzwischen eine Atmosphäre geschaffen, in der Geistiges gegen die Kenntnis von Kaufverträgen und Gebrauchsanweisungen verrechnet werden kann. Erinnert sei hier nur an den Tweet der siebzehnjährigen Schülerin Naina, die beklagt hatte, dass sie zwar eine Gedichtanalyse in vier Sprachen schreiben könne, dafür jedoch keine Ahnung von „Miete, Steuer oder Versicherungen“ habe, und damit eine Welle von Zustimmung erzeugte.

          Die „Neuen DeutschPoeten“ Clueso und Deichkind

          Ist es der Poesie in dieser Situation überhaupt noch möglich, den Hoffnungen Hölderlins, Hegels und Schellings folgend, eine „Lehrerin der Menschheit“ zu werden? An der Mehrheit der Jugendlichen liegt es gewiss nicht. Die Worte zu ihren Gefühlen suchen sie auf anderen, musikalisch und visuell unterlegten Wegen. Die „Neuen DeutschPoeten“ – Clueso, Philipp Poisel, Fettes Brot, Deichkind oder Kraftklub – erleben eine enorme Resonanz, Poetry Slams füllen Konzertsäle. Manchen Deutsch-Rappern beschert die Nachfrage der Pubertierenden sogar ein Leben grotesken Protzertums.

          Gleichzeitig wird deutschsprachige Gegenwartslyrik in der Gesellschaft nur noch als schüchternes Flüstern wahrgenommen. In Großbuchhandlungen und Bibliotheken findet man selten aktuelle Gedichtbände, Lyriklesungen in Kleinstädten gleichen Sektenzirkeln, Internetplattformen wie Youtube registrieren eher zufälliges Interesse unter spröden Poetenfilmen. Die Videos der profilierten Dichterin Monika Rinck erreichten nach mehreren Jahren maximal etwa 1500 Aufrufe. Die Slammerin Julia Engelmann verhalf dagegen dem Campus TV der Universität Bielefeld mit einem einzigen Auftritt („One Day/Reckoning“) zu überraschender Popularität: Weit mehr als elf Millionen Mal wurde ihr Clip inzwischen geklickt.

          Kann man diese Entwicklung überhaupt noch zum Positiven wenden? Der erste Schritt wäre – jenseits des zu Unrecht verpönten Auswendiglernens – eine Befreiung der Lyrik aus der lähmenden Umklammerung schulischer Abschlussprüfungen. Stattdessen könnten in der Oberstufe verstärkt Seminararbeiten angefertigt werden, entweder kreativ (Gedichtband) oder analytisch (wissenschaftliche Hausarbeit), bewertet durch ausführliche Gutachten, die im positiven Fall ein erfolgreiches Bestehen bescheinigen. Ohnehin wäre eine stärkere Einbindung von aktueller Lyrik angebracht; selbst wenn man es bei schriftlichen Prüfungen beließe, wie beispielsweise in England und Wales. Dort sind Stardichter wie Gillian Clarke oder Carol Ann Duffy im landesweiten Prüfungskanon vertreten. Vor dem Mittelschulexamen (GCSE) lesen sie auf der „Poetry Live!“-Tour in den Konzerthallen größerer Städte aus ihren Werken. Danach beantworten sie die Fragen der Schüler, geduldig und humorvoll.

          Integrative Wirkung

          Interessanterweise befindet sich unter den im laufenden Jahr an dieser Tour beteiligten zehn Dichtern mit Simon Armitage lediglich ein gebürtiger Engländer. Die große Mehrheit seiner Kollegen hat einen Migrationshintergrund. Mit ihrer poetischen Beheimatung in der englischen Sprache üben John Agard oder Imtiaz Dharker gerade deshalb eine integrative Wirkung aus. Auch eine Erhöhung des medialen Interesses für Lyrix, einen bundesweiten Lyrikpreis für Jugendliche, würde das Interesse an Dichtung wahrscheinlich verbessern. Bei dieser Initiative des Deutschlandradios, des Philologenverbandes und der Bödecker-Kreise können Jugendliche eigene Gedichte einsenden, wobei unter den zwölf monatlichen Gewinnern in einem jährlichen Finale die Besten gekürt werden. Die Gewinner vertreten den Preis später nach außen, ihre Texte werden in einer Anthologie veröffentlicht.

          Ähnliche Angebote werden von Einrichtungen mit regional unterschiedlichen Schwerpunkten in ganz Deutschland gemacht. Beispielsweise im Berliner Haus für Poesie im Prenzlauer Berg, das auch die Website lyrikline.org betreibt, auf der Gedichte von mehr als tausend Dichtern gelesen und häufig sogar angehört werden können. Der Schriftsteller José Oliver hat im Großraum Stuttgart, unterstützt durch das dortige Literaturhaus, zahlreiche Lyrikwerkstätten an Schulen durchgeführt.

          Doch sind solche Initiativen – im Gegensatz zur Verbindlichkeit von staatlichen Lehrplänen und Modulhandbüchern – häufig nur punktuell und zeitlich beschränkt wirksam. Das Haus für Poesie hat deshalb im vergangenen Jahr das „Netzwerk Lyrik“ gegründet, um den unterschiedlichsten Ansätzen von Lyrik und deren Vermittlung wenigstens ein Koordinationsforum zu bieten. Auf einer Tagung des Netzwerks in Kassel trafen sich im November 2018 Dichter, Lyrikverleger, Wissenschaftler und Didaktiker. Gemeinsam formulierten sie Forderungen, um die prekäre Lage der Lyrik zu verbessern. Doch auch hier gilt, dass eine echte Abhilfe allein durch dauerhafte Strukturen im Bildungswesen geschaffen werden kann, mit einer verbindlichen Würdigung von Lyrik in den Lehrplänen aller Schularten. Darüber hinaus könnte die Einführung eines Studium generale an deutschen Hochschulen – beispielsweise mit Seminaren für kreatives Schreiben als Teil eines allgemeinen Fächerkanons – die inzwischen dramatisch klaffende Bildungslücke zwischen Schule und Hochschule verringern.

          Dazu aber bedarf es eines bildungspolitischen Umdenkens, das sich in den Programmen der Parteien noch nicht manifestiert. Auch deswegen sollten Dichter mit größerem Selbstbewusstsein am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen – wie es das hellwache und denkfreudige Autorentheater tut, das den nivellierenden Gesetzen des Marktes glücklicherweise durch staatliche Subventionen entzogen ist.

          Denkbar wäre deshalb auch eine Bezuschussung literarischer Publikationen, was in Österreich bereits zu einer gewissen Konsolidierung der Literatur geführt hat. Schließlich werden die Worte der Dichter durchaus beachtet, wie die Resonanz zeigte, die Uwe Tellkamp und Durs Grünbein auf ihren Disput zur Meinungsfreiheit im Dresdner Kulturpalast erfuhren.

          Matthias Fechner gehört der DFG-Forschungsgruppe „Lyrik in Transition“ an der Universität Trier an.

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