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Gegenwartslyrik in der Krise : Guter Rap ist doch auch ein Gedicht

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Kann man diese Entwicklung überhaupt noch zum Positiven wenden? Der erste Schritt wäre – jenseits des zu Unrecht verpönten Auswendiglernens – eine Befreiung der Lyrik aus der lähmenden Umklammerung schulischer Abschlussprüfungen. Stattdessen könnten in der Oberstufe verstärkt Seminararbeiten angefertigt werden, entweder kreativ (Gedichtband) oder analytisch (wissenschaftliche Hausarbeit), bewertet durch ausführliche Gutachten, die im positiven Fall ein erfolgreiches Bestehen bescheinigen. Ohnehin wäre eine stärkere Einbindung von aktueller Lyrik angebracht; selbst wenn man es bei schriftlichen Prüfungen beließe, wie beispielsweise in England und Wales. Dort sind Stardichter wie Gillian Clarke oder Carol Ann Duffy im landesweiten Prüfungskanon vertreten. Vor dem Mittelschulexamen (GCSE) lesen sie auf der „Poetry Live!“-Tour in den Konzerthallen größerer Städte aus ihren Werken. Danach beantworten sie die Fragen der Schüler, geduldig und humorvoll.

Integrative Wirkung

Interessanterweise befindet sich unter den im laufenden Jahr an dieser Tour beteiligten zehn Dichtern mit Simon Armitage lediglich ein gebürtiger Engländer. Die große Mehrheit seiner Kollegen hat einen Migrationshintergrund. Mit ihrer poetischen Beheimatung in der englischen Sprache üben John Agard oder Imtiaz Dharker gerade deshalb eine integrative Wirkung aus. Auch eine Erhöhung des medialen Interesses für Lyrix, einen bundesweiten Lyrikpreis für Jugendliche, würde das Interesse an Dichtung wahrscheinlich verbessern. Bei dieser Initiative des Deutschlandradios, des Philologenverbandes und der Bödecker-Kreise können Jugendliche eigene Gedichte einsenden, wobei unter den zwölf monatlichen Gewinnern in einem jährlichen Finale die Besten gekürt werden. Die Gewinner vertreten den Preis später nach außen, ihre Texte werden in einer Anthologie veröffentlicht.

Ähnliche Angebote werden von Einrichtungen mit regional unterschiedlichen Schwerpunkten in ganz Deutschland gemacht. Beispielsweise im Berliner Haus für Poesie im Prenzlauer Berg, das auch die Website lyrikline.org betreibt, auf der Gedichte von mehr als tausend Dichtern gelesen und häufig sogar angehört werden können. Der Schriftsteller José Oliver hat im Großraum Stuttgart, unterstützt durch das dortige Literaturhaus, zahlreiche Lyrikwerkstätten an Schulen durchgeführt.

Doch sind solche Initiativen – im Gegensatz zur Verbindlichkeit von staatlichen Lehrplänen und Modulhandbüchern – häufig nur punktuell und zeitlich beschränkt wirksam. Das Haus für Poesie hat deshalb im vergangenen Jahr das „Netzwerk Lyrik“ gegründet, um den unterschiedlichsten Ansätzen von Lyrik und deren Vermittlung wenigstens ein Koordinationsforum zu bieten. Auf einer Tagung des Netzwerks in Kassel trafen sich im November 2018 Dichter, Lyrikverleger, Wissenschaftler und Didaktiker. Gemeinsam formulierten sie Forderungen, um die prekäre Lage der Lyrik zu verbessern. Doch auch hier gilt, dass eine echte Abhilfe allein durch dauerhafte Strukturen im Bildungswesen geschaffen werden kann, mit einer verbindlichen Würdigung von Lyrik in den Lehrplänen aller Schularten. Darüber hinaus könnte die Einführung eines Studium generale an deutschen Hochschulen – beispielsweise mit Seminaren für kreatives Schreiben als Teil eines allgemeinen Fächerkanons – die inzwischen dramatisch klaffende Bildungslücke zwischen Schule und Hochschule verringern.

Dazu aber bedarf es eines bildungspolitischen Umdenkens, das sich in den Programmen der Parteien noch nicht manifestiert. Auch deswegen sollten Dichter mit größerem Selbstbewusstsein am gesellschaftlichen Diskurs teilnehmen – wie es das hellwache und denkfreudige Autorentheater tut, das den nivellierenden Gesetzen des Marktes glücklicherweise durch staatliche Subventionen entzogen ist.

Denkbar wäre deshalb auch eine Bezuschussung literarischer Publikationen, was in Österreich bereits zu einer gewissen Konsolidierung der Literatur geführt hat. Schließlich werden die Worte der Dichter durchaus beachtet, wie die Resonanz zeigte, die Uwe Tellkamp und Durs Grünbein auf ihren Disput zur Meinungsfreiheit im Dresdner Kulturpalast erfuhren.

Matthias Fechner gehört der DFG-Forschungsgruppe „Lyrik in Transition“ an der Universität Trier an.

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