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Gegenwartslyrik in der Krise : Guter Rap ist doch auch ein Gedicht

  • -Aktualisiert am

Gewiss: Gegenwartslyrik ist mittlerweile Prüfungsschwerpunkt im Berliner Abitur. Gleichzeitig aber werden dort Gedichte im Bildungsplan der Sekundarstufe I unter der Rubrik „kulturell bedeutsame Texte“ subsumiert: Ihre Behandlung im Unterricht ist nicht mehr verpflichtend. Mehrseitige „Erwartungshorizonte“ bauen – in fast allen Bundesländern – geistige Mauern um Gedichte, die in schriftlichen Abschlussprüfungen analysiert werden. Zweck der „Erwartungshorizonte“ ist es vor allem, die in den zentralen Abiturprüfungen korrigierenden Lehrer gegen juristische Klagen unzufriedener Prüflinge abzusichern. Bereits deren Sprache offenbart, dass es sich bei den Korrekturen nicht mehr allein um die Bewertung von Interpretationen, sondern primär um die Durchführung eines Verwaltungsaktes handelt.

Gute Dichtung betäubt nicht, sondern baut Brücken zu anderen Zeitaltern, anderen Sprachen und Menschen.

Im sächsischen „Erwartungshorizont“ zum Deutsch-Abitur von 2017 sollten die Prüfungsteilnehmer ihr Textverständnis „auf Basis ihrer Analyseergebnisse aufgabenadäquat, konzeptgeleitet, sprachlich variabel und stilistisch stimmig“ darstellen. In Baden-Württemberg manifestierte sich enttäuschter Ehrgeiz unlängst sogar in der Online-Petition eines Abiturienten gegen die – aus seiner Sicht – literarische und veraltete Sprache eines Textes im Englisch-Abitur. So wird poetische Literatur – von allen schulisch beteiligten Seiten – stärker denn je zu einem Verhandlungsobjekt um Noten, um den rechnerisch geregelten Zugang zu Studium und Karriere degradiert.

Meine eigenen Erfahrungen im Unterricht decken sich weitgehend mit diesen Symptomen. Während meiner sechzehnjährigen Tätigkeit als Deutschlehrer gingen nur wenige Schüler das Risiko einer Lyrikinterpretation in schriftlichen Prüfungen ein. Auch sonst stand Lyrik nicht selten unter einem anfänglichen Rechtfertigungszwang als nutzloses Ornament und Refugium weltfremder Träumer. Die wachsende Dominanz der Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik), die Ökonomisierung von Bildung und ein ängstlicher Pragmatismus haben inzwischen eine Atmosphäre geschaffen, in der Geistiges gegen die Kenntnis von Kaufverträgen und Gebrauchsanweisungen verrechnet werden kann. Erinnert sei hier nur an den Tweet der siebzehnjährigen Schülerin Naina, die beklagt hatte, dass sie zwar eine Gedichtanalyse in vier Sprachen schreiben könne, dafür jedoch keine Ahnung von „Miete, Steuer oder Versicherungen“ habe, und damit eine Welle von Zustimmung erzeugte.

Die „Neuen DeutschPoeten“ Clueso und Deichkind

Ist es der Poesie in dieser Situation überhaupt noch möglich, den Hoffnungen Hölderlins, Hegels und Schellings folgend, eine „Lehrerin der Menschheit“ zu werden? An der Mehrheit der Jugendlichen liegt es gewiss nicht. Die Worte zu ihren Gefühlen suchen sie auf anderen, musikalisch und visuell unterlegten Wegen. Die „Neuen DeutschPoeten“ – Clueso, Philipp Poisel, Fettes Brot, Deichkind oder Kraftklub – erleben eine enorme Resonanz, Poetry Slams füllen Konzertsäle. Manchen Deutsch-Rappern beschert die Nachfrage der Pubertierenden sogar ein Leben grotesken Protzertums.

Gleichzeitig wird deutschsprachige Gegenwartslyrik in der Gesellschaft nur noch als schüchternes Flüstern wahrgenommen. In Großbuchhandlungen und Bibliotheken findet man selten aktuelle Gedichtbände, Lyriklesungen in Kleinstädten gleichen Sektenzirkeln, Internetplattformen wie Youtube registrieren eher zufälliges Interesse unter spröden Poetenfilmen. Die Videos der profilierten Dichterin Monika Rinck erreichten nach mehreren Jahren maximal etwa 1500 Aufrufe. Die Slammerin Julia Engelmann verhalf dagegen dem Campus TV der Universität Bielefeld mit einem einzigen Auftritt („One Day/Reckoning“) zu überraschender Popularität: Weit mehr als elf Millionen Mal wurde ihr Clip inzwischen geklickt.

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