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Man liest jetzt auf Latein : In foramine terrae habitabat hobbitus

Was bedeutet hier dieser Ablativ? Bilbo Beutlin studiert seinen Entsendungsvertrag. Bild: Imago

Was für ein Pfingstwunder: Tolkiens „Hobbit“, Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ oder „Gregs Tagebuch“werden jetzt auch auf Latein gelesen. Warum eigentlich?

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          Wer eine Fremdsprache lernen will, der besorge sich eine entsprechende Übersetzung von J.R.R. Tolkiens „The Hobbit“. Diese Empfehlung des amerikanischen Linguisten Edward Vajda hat einiges für sich. Zum einen bestehen beste Aussichten, dass dem Lernenden die Abenteuer des kleinen Bilbo Beutlin bereits geläufig sind und sie ihn, zweitens, auch bei wiederholter Lektüre nicht langweilen, was sich von den wenigsten Einstiegslektüren sagen lässt. Drittens schließlich ist das Angebot enorm. Tolkiens schmaler Roman, der 1937 erstmals erschien und jüngst als Dreiteiler in die Kinos kam, wurde bislang in mehr als fünfzig Sprachen übersetzt, darunter auch Baskisch, Sorbisch, Hawaiianisch oder Jiddisch – Idiome, die kaum noch von Menschen gesprochen werden, die nicht noch eine weitere Sprache beherrschen.

          Ulf von Rauchhaupt
          Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Daher ist es vielleicht gar nicht so kurios, dass der „Hobbit“ auch in einer lateinischen Übersetzung vorliegt. Der Brite Mark Walker hat sie vor einigen Jahren besorgt, komplett mit allen Gedichten und Liedern, denen er oft klassische Versmaße gab – Gollums und Frodos Rätselreime zum Beispiel stehen in Hexametern und elegischen Distichen. Kurioser ist da schon der verlegerische Aufwand, der für „Hobbitus ille“ getrieben wurde. Die Vorsatzpapiere zeigen „Thrors Karte“ sowie die Detailkarte der Schauplätze zwischen den Nebelbergen („Montes nebulosi“) und Smaugs Einöde („Vastitas Smaugis“). Beide wurden im Originalstil mit lateinischen Beschriftungen neu gelettert. Berücksichtigt man zudem den günstigen Verkaufspreis des Hardcover-Buches, kann der Verlag nicht nur mit ein paar besonders extremen Nerds als Leserschaft kalkuliert haben.

          Tatsächlich ist der „Hobbit“ lange nicht das einzige Stück Gegenwartsliteratur, das in der angeblich toten Sprache verfügbar ist. Auch wenn das Idiom der alten Römer heute nicht mehr unabdingbar für irgendjemandes Alltagskommunikation ist – genauso wenig wie Sorbisch oder Hawaiianisch –, wird es von einer, in diesem Fall internationalen, Minderheit gepflegt. Bekannt sind auf diesem Feld etwa die lateinischen Übertragungen der „Asterix“-Bände, die allerdings systematisch am Sprachwitz des Originals scheitern. Weniger bekannt ist, dass es unter anderem auch „Max et Moritz“, den englischen Bären namens Paddington („Ursus nomine Paddington“), die ersten beiden „Harry Potter“-Bände und seit neustem auch „Gregs Tagebuch“ („Comentarii de inepto puero“) auf Latein gibt. Und wem diese Aufzählung nur Gymnasiasten als Zielgruppe nahelegt, dem sei gesagt, dass auch „Superbia et odium“ von Jane Austen oder „Tristitia salve“ von Françoise Sagan vorliegen, ebenso wie Goethes „Werther iuvenis quae passus sit“.

          Harry Potter auf Altgriechisch?

          Allen gemein ist, dass es sich um massenhaft verbreitete und vielgeliebte Werke handelt, mit denen man zumeist eher früh im Leben Bekanntschaft macht. Ihre lateinischen Fassungen dürften daher oft tatsächlich als spleeniges Freizeitvergnügen der jeweiligen Übersetzer begonnen haben. Anders lag der Fall allerdings bei „Harry Potter“. Dessen Autorin J. K. Rowling, die an der University of Exeter einst selbst klassische Sprachen studiert hat, lässt in ihren Romanen oft Lateinisches anklingen, besonders prominent in den Zaubersprüchen. Parallel zu dem enormen Erfolg ihrer Bücher kam es zu einem gesteigerten Interesse an dem Fach Latein an amerikanischen Colleges, woraufhin der „Paddington“-Übersetzer Peter Needham, ein pensionierter Lehrer am Eton College, mit einer lateinischen Fassung des ersten Potter-Bandes beauftragt wurde.

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