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Kurt Westergaard wird achtzig : Gegen jede Gewalt

Gefährdeter Provokateur: Kurt Westergaard Bild: dpa

Kurt Westergaard ist seit seinen Mohammed-Karikaturen ein hoch gefährdeter Mann. Nicht jedem gefällt die Wahl seiner satirischen Mittel. Doch im Kampf gegen den Islamismus verdient er uneingeschränkte Solidarität.

          2 Min.

          Dass Kurt Westergaard an diesem Montag seinen achtzigsten Geburtstag erlebt, ist für ihn ein persönlicher Triumph, der über die normale Freude an Jubiläen weit hinausgeht. Auf seinen Kopf ist angeblich eine millionenschwere Prämie ausgesetzt, und am 1. Januar 2010 brach ein Mann mit einer Axt in Westergaards Wohnung ein, um ihn zu ermorden. Doch der Überfallene entkam dem Attentäter in einen wohlweislich eingerichteten Panic Room. Seit fast zehn Jahren ist Westergaard einer der gefährdetsten Menschen der Welt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Damals, am 30. September 2005, veröffentlichte die dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ zwölf Karikaturen, die sich mit dem Propheten Mohammed beschäftigten. Westergaard, seit zwanzig Jahren fester Karikaturist der Zeitung, zeichnete die bekannteste davon: einen bärtigen Männerkopf mit einer Bombe als Turban. Mit ihm wollte der in einer streng christlichen Familie aufgewachsene und später durch diese Erfahrung von aller Religion Entfremdete die Pervertierung des muslimischen Glaubens zum mörderischen Fanatismus darstellen, wie man sie in den Jahren zuvor durch die Taliban und Al Qaida vorgeführt bekommen hatte (seitdem müsste man Boko Haram und den „Islamischen Staat“ ergänzen), doch diese Zeichnung reihte sich auch ein in eine Reihe scharfer Karikaturen gegen jegliche Art von religiöser Gewalt – auch seelische, wie Westergaard sie in seiner protestantischen Kindheit erfahren hatte.

          Kritischer Geist mit vielen Kritikern

          Die zwölf Zeichnungen und besonders die seine wurden berühmt-berüchtigt; bei Massenprotesten in muslimischen Staaten wurden fast 150 Menschen getötet, westliche Botschaften wurden überfallen, die Zeichner in ihrer dänischen Heimat unter Polizeischutz gestellt. Westergaard erhielt aber auch viel Zuspruch, teilweise von Seiten, die ihm unangenehm waren, so etwa durch christliche Fundamentalisten. Aber auch Angela Merkel persönlich setzte sich für ihn ein, als sie es sich nicht nehmen ließ, Westergaard im September 2010 den Preis des internationalen Potsdamer Medientreffens M100 zu überreichen. Einen Monat später zeichnete ihn die Sparkasse Leipzig mit ihrem Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien aus. Beide Verleihungen wurden von muslimischen Organisationen in Deutschland scharf kritisiert.

          Kritik ist Westergaards Beruf, denn Karikatur ist nur als kritische Kunst denkbar. Entsprechend muss er auch selbst Kritik dulden. Was jedoch unerträglich ist, ist die gerade bei angeblich um Kulturverständigung und Aufklärung bemühten Intellektuellen verbreitete Rechtfertigung der Drohungen gegen ihn – und damit unausgesprochen auch des versuchten Attentats von 2010 – aufgrund seiner Zeichnung, die sich aber gar nicht gegen den Islam richtet, sondern gegen den Islamismus. Dieses Missverständnis, wenn es denn überhaupt eines ist, ist Gegenstand des kürzlich in Frankreich erschienenen „Briefs an die Heuchler“ von Westergaards Kollegen Stéphane Charbonnier alias Charb, dem nicht das gleiche Glück beschieden war wie dem Dänen. Charb, der Chefredakteur des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, das immer wieder als „islamfeindlich“ denunziert worden ist, wurde am 7. Januar 2015 mit elf weiteren Menschen ermordet, zwei Tage nachdem er das Manuskript des „Briefs an die Heuchler“ beendet hatte.

          Darin findet sich auch Charbs Deutung der Westergaardschen Mohammed-Karikatur. „Die Zeichnung meinte: Hier sieht man, was die Terroristen mit dem Islam anstellen und welche Vorstellung sie von dem Propheten haben, auf den sie sich berufen.“ Die Vorstellung, die sie von Kurt Westergaard haben, ist ebenso grotesk. Ihm seien noch viele friedliche Jahre gewünscht.

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