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: Gegen den Konsens

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Sie stellen die Legitimität der Kommunistischen Partei in Frage und entwerfen Zukunftsmodelle eines China, das ohne diese "Avantgarde" auskommt. Damit erfüllen sie am ehesten die westliche Vorstellung von Dissidententum.

          9 Min.

          Systemkritiker

          Sie stellen die Legitimität der Kommunistischen Partei in Frage und entwerfen Zukunftsmodelle eines China, das ohne diese "Avantgarde" auskommt. Damit erfüllen sie am ehesten die westliche Vorstellung von Dissidententum. Seit der Niederschlagung der Studentenbewegung von 1989 war eine solche Art Kritik in der Öffentlichkeit kaum mehr zu hören, bis die "Charta 08" erschien, die bei ihren Forderungen nach Gewaltenteilung, Demokratie und Achtung der Menschenrechte ausdrücklich den von der KP legitimierten Diskursrahmen verließ und auf philosophische und politische Überzeugungen des Westens gründete: "Die Regierungen existieren um des Schutzes der Menschenrechte ihrer Bürger willen."

          Einer der Initiatoren war der Philosoph und Literaturwissenschaftler Liu Xiaobo, der schon während des "Kulturfiebers" in den achtziger Jahren eine wichtige Gestalt der chinesischen Intellektuellenszene war. Wie für einige Mitautoren der Charta wie Jiang Qisheng und Zhang Zuhua wurde die Niederschlagung der Studentenbewegung 1989 zur prägenden Erfahrung, von der an sie nicht mehr innerhalb der chinesischen Institutionen wirken konnten und wollten. "Was ich von mir, sowohl als Person wie in meinem Schreiben, verlangte", sagte Liu Xiaobo in dem Schlusswort zu dem Prozess, in dem er im Dezember 2009 zu elf Jahren Haft verurteilt wurde, "war, mit Anstand, Verantwortlichkeit und Würde zu leben." Liu und sein Prozess wurden in der offiziellen Öffentlichkeit totgeschwiegen. Viele Intellektuelle, auch solche, die in staatlichen Universitäten angestellt sind, reagierten auf die Verurteilung Lius gleichwohl erschüttert. Die Zahl der Unterschriften unter die Charta wird auf zehntausend geschätzt.

          Freie Radikale

          Sie leben in größtmöglichem Abstand zu den staatlichen Institutionen und deren Sprachregelungen, ohne sich überhaupt noch für ein politisches Programm engagieren zu wollen. Sie haben keine Angst mehr, sich entgegen dem verordneten Optimismus und den harmonisierenden Begriffen ringsum freimütig zu äußern, oft weil sie auch nicht mehr viel zu verlieren haben. Sie sind in der ganzen Gesellschaft verbreitet, meist ohne in der Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen. Sie sind unter Taxifahrern ebenso zu finden wie unter Wanderarbeitern, Rentnern, Müllsammlern oder auch (eher selten) Schriftstellern.

          Liao Yiwu ist Schriftsteller, und er schrieb über diese Menschen: "Wie unschuldig ihr persönlicher Antrieb auch gewesen sein mochte, wie weit sie sich auch aus den Intrigen der Politik herauszuhalten versuchten, wenn sie anständig bleiben und sich einen Rest von Gewissen bewahren wollten, sind sie früher oder später unter die Räder gekommen und haben mit Partei und Volk gebrochen." Für Liao Yiwu war der Wendepunkt der 4. Juni 1989, nach dem er wegen eines Gedichts festgenommen und gefoltert wurde und während der Haft einen Querschnitt jenes China von unten kennenlernte, von dem in der offiziellen Öffentlichkeit nie die Rede ist und das er später zum Thema seiner Bücher machte. Obwohl er ebenso wenig agitatorischen Ehrgeiz wie seine ohnmächtigen Helden hat, ist er mit seinem abgründigen Realismus den Behörden offenbar besonders suspekt; nach mehreren Haftstrafen ist ihm in diesem Monat zum dreizehnten Mal die Ausreise ins Ausland verweigert worden.

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