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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

  • -Aktualisiert am

Retsos: Ich denke, eine Krise lässt sich per definitionem von niemandem sonderlich gut erkennen. Es geht um die jeweils aktuelle Bedeutung des Wortes. In Griechenland hatten wir 2008 ein Bruttoinlandsprodukt von 300 Milliarden, und 2012 waren es weniger als 200 Milliarden. Innerhalb von vier Jahren verflüchtigte sich fast ein Drittel des BIP. Wir haben heute 1,5 Millionen Arbeitslose, die höchste Arbeitslosenquote in der EU, das entspricht fast einem Drittel der Erwerbspersonen.

Sie werden verstehen, dass das Klima in der Gesellschaft wirklich schlecht ist. Wenn Sie in Griechenland leben und an dieser Wahrnehmung festhalten, werden Sie alles sehr negativ sehen. Aber ich denke, die Krise bietet auch Chancen, und man sollte versuchen, sie zu finden.

Der größte Vorteil liegt vielleicht darin, dass der öffentliche Sektor an Bedeutung verloren und der private Sektor an Bedeutung gewonnen hat. Griechenland war praktisch in allem von seinem öffentlichen Sektor abhängig: in der Schaffung neuer Arbeitsplätze und der Erhöhung der Einkommen. Früher liehen wir uns Geld, vor allem nach 2001, als wir in die Eurozone eintraten. Statt dieses Geld in neue Projekte und innovative Ideen zu investieren, steckten wir es in den Konsum und insbesondere in den staatlichen Sektor, der weiter gewaltig anwuchs.

Jetzt erleben wir dank der Krise zum ersten Mal, dass der private Sektor stärker wird. Unsere Regierung hat viele Jahre nur über Reformen geredet, und die Politiker von einer neuen Politik. Aber sie handelten ohne jede Strategie. Heute hat der private Sektor eine Vision. Demnach soll Griechenland in acht Jahren, nach der Zahl der Gäste und der Höhe der Einnahmen zu den zehn wichtigsten Tourismusländern gehören. Das ist unsere Vision. Wir haben eine klare Strategie, wie wir das erreichen wollen. Wir nehmen die dafür notwendigen Reformen in Angriff und machen uns an die Umsetzung dieser Strategie. Deshalb sind wir sehr zuversichtlich, dass wir Erfolg haben werden.

Es gibt also wirklich einen Wandel.

Retsos: Die Zeit ist günstig für die Entwicklung neuer Produkte. In diesem Jahr erwarten wir 17 Millionen Gäste. Das war das Ziel, das wir uns zu Beginn des Jahres gesetzt haben. Im Augenblick bin ich recht zuversichtlich, dass wir diese Zahl übertreffen werden. Ich persönlich erwarte für dieses Jahr eine Zahl von 17,5 Millionen Gästen. Aus dem Tourismus erwarten wir in diesem Jahr direkte Einnahmen in Höhe von 11 Milliarden Euro. Multipliziert man das mit 2,5, um die Effekte auf die übrige Wirtschaft zu berücksichtigen, sprechen wir von etwa 25 Milliarden Einnahmen im Zusammenhang mit dem Tourismus. Das ist eine gewaltige Zahl.

Das entspricht einem Achtel der gesamten Wirtschaftsleistung.

Retsos: Noch mehr sogar. Wir erwarten, dass diese Zahl bis 2021 auf 54 Milliarden ansteigt und dass wir 300000 neue Arbeitsplätze schaffen können, ebenfalls eine gewaltige Zahl. Das größte Problem, das wir im Tourismusbereich hatten und das, wie erwähnt, ein Problem unseres Landes war, ist die Tatsache, dass wir nie eine Strategie hatten. Unser Land hatte nie ein klares Markenimage. In der Wahrnehmung potentieller Besucher war und ist Griechenland nur Sonne und Meer. Es gab daher nur ein einziges Produkt. Dieses Produkt bot man den Reiseveranstaltern an. Und sie verkauften es in aller Regel ohne ein Markenimage.

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