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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

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Wir haben neun Niederlassungen in aller Welt, wir verkaufen in 40 Länder, und 99 Prozent unserer Einnahmen kommen aus dem Ausland. Interessant ist, dass seit der Gründung unserer Firma in Griechenland ein Ökosystem aus Unternehmen, die ähnliche, also mit dem Mobiltelefon zusammenhängende Technologielösungen anbieten, ein Umsatzvolumen von etwa einer Milliarde Dollar erreicht hat, fast ausschließlich durch Exporte, und das ist mehr, als mit Olivenöl erzielt wird. Diese Branche beschäftigt zusammengenommen gut 3500 Menschen. Und ihr Wachstum übersteigt 50 Prozent im Jahr.

Sind diese Unternehmen von der Krise betroffen?

Veremis: Die Krise verändert die Situation, weil wir nun Leute erhalten, die früher in unproduktiven, nicht wirklich innovativen Technologiefirmen festsaßen. Sie exportierten nicht und hatten langfristig keinerlei Erfolgsaussichten. Diese Leute finden nun entweder eine Anstellung in kleineren, aber wachsenden, exportorientierten und innovativen Unternehmen, oder sie gründen eigene Firmen. Deshalb bin ich ausgesprochen optimistisch. Heute steht uns zum Beispiel Venture-Kapital zur Verfügung, in Griechenland sind es gegenwärtig etwa 100 Millionen Dollar, die von vier Fondsgesellschaften stammen. Vor zehn Jahren war die Summe noch gleich null.

Marco Veremis, Jahrgang 1973, ist CEO, Mitgründer und seit 2002 Vorstandsvorsitzender von Upstream, das Marketing-Technologien für den Mobilfunk entwickelt und in mehr als 40 Ländern präsent ist. Zuvor arbeitete Veremis, der unter anderem in Oxford studierte, als erfahrener Marketingstratege in führenden Werbeagenturen wie Grey Advertizing, McCann-Ericsson und DDB in London.

Pessimistisch bin ich allerdings im Blick auf die immer noch rückständigen Einstellungen. Es gibt eine Gruppe von Menschen, die beginnen, Unternehmen aufzubauen oder bestehende Unternehmen zu verbessern. Ich denke, das ist eine Folge der Krise. Es gibt große Vorteile im Blick auf die Qualifikation des Personals. Dennoch ist die schöne Welt, die sich da entwickelt, noch eine Randerscheinung. Sie spiegelt sich noch nicht in der immer noch vorherrschenden Funktionsweise des Staates oder im Denken der Menschen. Das erkennt man an den Wahlumfragen. Da gibt es immer noch Diskrepanzen, und das ist äußerst deprimierend für die wenigen Leute, die eigentlich optimistisch sind, aber pessimistisch werden, wenn sie sich umschauen und sehen, dass die kritische Masse noch nicht erreicht ist.

Yiannis Retsos: Ich bin Managing Director der Electra Hotels and Resorts, eines Familienunternehmens, das seit 1963 sechs Hotels in Griechenland betreibt. Ich bin außerdem Präsident des Hellenischen Hotelverbands. Für die Unternehmen war diese Krise meines Erachtens eine große Chance zu einer Restrukturierung nahezu aller Aspekte: des operativen Geschäfts, der Kosten und der Schulden. Als die Krise 2008 begann, erzählten uns die griechischen Politiker, unser Land sei sehr gut geschützt und „krisensicher“. Deshalb hielten viele auch weiterhin an dem Glauben fest, uns könnte nichts passieren. Wer sich dagegen an die Arbeit machte und sein Unternehmen umbaute, um es auf die unausweichlich herannahende Krise vorzubereiten, der befindet sich heute in einer weitaus besseren Lage. Auf diese Weise konnten wir in unserem Unternehmen seit 2008 und selbst noch 2012 profitabel bleiben – trotz des deutlichen Rückgangs der Einnahmen in den letzten vier Jahren. Wir haben auch in der Krise nie Verluste gemacht.

Sehen Sie Chancen in der Krise?

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