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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

  • -Aktualisiert am

Boutaris: Er bemüht sich. Aber alles braucht viel länger als erwartet. Wenn es etwas gibt, das ihm Probleme bereitet, dann sind es die Verfahren und Strukturen. Das ist das größte Problem. Die Verfahren sind langsam und schwer zu überwinden; sie sorgen dafür, dass nichts getan wird, sofern es nicht jemanden, einen Politiker, gibt, der die Dinge vorantreibt. So ist das gesamte staatliche System aufgebaut.

Darf ich Ihnen eine letzte historische Frage stellen, über die in Deutschland viel diskutiert wird? Auf dem Gipfel in Cannes sagte Papandreou, er wolle ein Referendum über den Euro abhalten. Erinnern Sie sich daran?

Mehrere zusammen: Natürlich... (Gelächter.) Wer könnte das vergessen?

Damals intervenierte Habermas, weil Schäuble gesagt hatte: „Das wird den Markt ruinieren.“ Und im Anschluss hatten wir eine lebhafte Debatte über die Frage, ob nicht Gesellschaft und Demokratie wichtiger seien als die Märkte. Meine Frage lautet deshalb: Hatte Papandreou recht oder unrecht?

Olympios: Ich bin der festen Überzeugung, dass er hundertprozentig recht hatte. Sicher, der Zeitpunkt war falsch gewählt, und die Durchführung war schrecklich, aber ich kenne keine andere Idee, die Griechenland stabilisiert, die Verbindung zu Europa gestärkt und die Furcht vor einem Austritt Griechenlands beseitigt hätte, so dass billigeres Geld und Privatisierung rasch hätten vorankommen können, ohne das Land in Gefahr zu bringen. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass 70 bis 80 Prozent für den Euro gestimmt hätten, und das heißt, sie hätten die Sparmaßnahmen akzeptiert. Vor allem aber hätten die einzelnen Bürger, die Politiker, die Wirtschaftsführer, die Medien und andere Eliten ganz individuell die Verantwortung für die Zukunft übernommen, ganz ohne Bluff und ohne utopische Versprechungen, die die öffentliche Debatte korrumpieren. Ich war erschrocken über die europäische Reaktion und kann bis heute nicht erkennen, welche fiskalpolitischen oder sozialen Vorteile der Verzicht auf das Referendum gehabt haben soll.

Veremis: Aber die Ausführung war grauenhaft. Selbst wenn der Gedanke interessant gewesen sein mag. Wer eine Volksabstimmung gewinnen will, muss sie sorgfältig vorbereiten und die Frage korrekt formulieren.

Wenn Sie ein Referendum abgehalten hätten, denn damals war die gesamte Europäische Union schockiert von der Vorstellung, Griechenland könnte austreten, dann hätten die Europäer und die Deutschen Wege finden müssen, die Griechen zu überzeugen. Das wäre so etwas wie eine Rationalisierung gewesen.

Retsos: Man zieht seine Pistole nur, wenn man auch bereit ist zu schießen. Papandreou zog zwar seine Pistole, aber er glaubte nicht, dass er sie einsetzen müsste. Wir wissen, dass es von Anfang an nur ein Bluff war und, wie ich meine, ein verheerender Bluff.

Wir danken Ihnen für diese Diskussion. Efcharisto!

Die Gesprächspartner

Achilles V. Constantakopoulos, Jahrgang 1971, absolvierte die Hotelfachschule in Lausanne; er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit 1995 leitet er die Temes S. A., die für den Bau und die Entwicklung des touristischen Großprojekts Costa Navarino auf dem Peloponnes verantwortlich ist.

Marco Veremis, Jahrgang 1973, ist CEO, Mitgründer und seit 2002 Vorstandsvorsitzender von Upstream, das Marketing-Technologien für den Mobilfunk entwickelt und in mehr als 40 Ländern präsent ist. Zuvor arbeitete Veremis, der unter anderem in Oxford studierte, als erfahrener Marketingstratege in führenden Werbeagenturen wie Grey Advertizing, McCann-Ericsson und DDB in London.

Yannis A. Retsos, 1969 geboren, studierte Jura in Athen und Hotelmanagement an der Cornell University. Er ist Geschäftsführer der Electra Hotels & Resorts, die fünf Hotels in Griechenland betreibt. Daneben ist er Präsident des Hellenischen Hotelverbands und Vizepräsident des Verbandes der griechischen Touristikunternehmen.

Angelos M. Stergiou, Jahrgang 1976, ist Mediziner und Vorstandsvorsitzender der Sellas Life Science Group, die sich auf klinische Forschung und Entwicklung spezialisiert hat. Er hat am Kentucky Wesleyan College studiert und viele Jahre lang in führenden Positionen bei Pharma- und Biotechnologieunternehmen in Europa und den Vereinigten Staaten gearbeitet.

Stellios Y. Boutaris, geboren 1965, ist Geschäftsführer und Anteilseigner des Weinbaubetriebs Kir-Yianni, der zu den zehn größten in Griechenland gehört und seine Weine weltweit verkauft. Außerdem leitet er die Weinvertriebsgesellschaft W. S. Karoulias in Athen, mit zwölf Millionen Euro Umsatz das führende Unternehmen dieser Art in Griechenland.

Aris Kefalogiannis, geboren 1960, ist Gründer und seit 1995 CEO von Gaea, einem griechischen Unternehmen, das authentische und innovative griechische Nahrungsmittel in aller Welt vertreibt. Außerdem ist er Vizepräsident des Verbandes der griechischen Olivenölhersteller. Davor war er CEO der Proton Marine Services in London, die Dienstleistungen für den Schiffbau anbieten, sowie Finanzberater bei der Merchant Investors Group London.

Yiannis Olympios, Jahrgang 1969, ist CEO und Gründer von V+O Communication, dem größten auf dem Gebiet der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit tätigen Unternehmen in Südosteuropa, berät zahlreiche Firmen der Region in Imagefragen sowie im Blick auf operative und strategische Herausforderungen und Möglichkeiten.

 

 

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