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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

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Constantakopoulos: Die Griechen haben den Schmerz erlebt. Sie haben Verluste hinnehmen müssen. Ihr Stolz hat einen gewaltigen Verlust hinnehmen müssen. Wir haben Politiker ins Gefängnis wandern sehen. Wir haben Unternehmer ins Gefängnis wandern sehen. Das ist keine nur theoretische Möglichkeit. Es gab Leute, die sich für unantastbar hielten. Dieses Gefühl gibt es nicht mehr. Diese Angst ist als solche schon sehr gut für das System.

Suchen Politiker zum Beispiel Ihren Rat?

Olympios: Die Distanz zwischen Politik und Wirtschaft ist deutlich kleiner geworden.

Kefalogiannis: Wenn wir Griechenland einen Augenblick vergessen, glaube ich, dass die ganze westliche Welt sich in einer Krise befindet. Die kapitalistische Welt ist in eine Sackgasse geraten. Wir brauchen ein neues Modell. Ich glaube, das neue Modell wird aus den Unternehmen hervorgehen. Die Unternehmen sind die Moleküle der modernen Gesellschaft. Sie arbeiten in der Gesellschaft, aber sie verstehen, dass der Erfolg von der Gesundheit und vom Erfolg der ganzen Gesellschaft abhängt. Dieses Modell, so glaube ich, wird zur Wiedergeburt eines Kapitalismus der sozialen Verantwortung und zu einem Wandel der Mentalität führen. Wir sollten aufhören, alles von den Politikern zu erwarten. Wir müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen. Jeder von uns sollte seinen Teil dazu beitragen, die Gesellschaft der Zukunft zu gestalten.

Yiannis Olympios, Jahrgang 1969, ist CEO und Gründer von V+O Communication, dem größten auf dem Gebiet der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit tätigen Unternehmen in Südosteuropa, berät zahlreiche Firmen der Region in Imagefragen sowie im Blick auf operative und strategische Herausforderungen und Möglichkeiten.

Olympios: Ich glaube, die Politiker haben eine klare Rolle zu spielen. Was uns fehlt, ist eine kosmopolitische Sicht der Dinge, die über Griechenland, Deutschland, Italien und Frankreich hinausreicht; wir brauchen einen ganzheitlicheren europäischen Ansatz. Wir haben zum Beispiel in Griechenland dreißig Jahre lang darüber diskutiert, ob in Athen eine Moschee gebaut werden darf. Das ist beschämend. Die muslimische Gemeinde Athens hat keine Moschee, obwohl die Griechen in aller Welt ihre schönen Kirchen haben. Aber gerade jetzt haben viele Politiker einiges zu bieten. In ganz Griechenland finden sich gute Beispiele, aber das sind Politiker der unteren Ebene, Stadträte und Bürgermeister, die ihre Stadt aufräumen, die sich für vollständig wiederverwendbare Produkte und Energieeffizienz einsetzen.

Constantakopoulos: Eines unserer größten Probleme liegt darin, dass nur sehr wenige ernsthafte junge Männer oder Frauen Politiker werden möchten. Möchten Sie, dass Ihr Sohn oder Ihre Tochter in die Politik geht? Ich weiß nicht, wie viele ja sagen würden, wenn ich diese Frage in meiner Nachbarschaft stellte. Wer wird unser Land führen, wenn wir die Politiker in den Augen der Presse und zukünftiger Generationen so schlecht machen?

Das ist in Deutschland genauso. Niemand will mehr Politiker werden.

Boutaris: Weshalb sollte man Politiker werden, wenn man nicht gelegentliche ein „Gut gemacht“ oder „Bravo“ hört. Wenn jemand nicht in die Politik geht, um dort sein Geld zu verdienen, sollte er wenigsten manchmal ein „Gut gemacht“ hören.

Retsos: Stelios, dein Vater ist Bürgermeister von Saloniki – er muss einige Erfahrung haben. (Gelächter) Ich lese viel über ihn – sehr Gutes.

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