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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

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Stergiou: Worum ich persönlich mir wirklich Sorgen mache, ist der europäische Pragmatismus. Konnten die Leute in Brüssel die Probleme der überschuldeten Länder nicht voraussehen? Wären wir die Probleme früher angegangen, wie in der Präventivmedizin, stünden wir heute nicht da, wo wir jetzt stehen. Wenn Brüssel mit all seinen Kontrollen und Regulierungen nicht vorhersehen konnte, was geschehen würde, mache ich mir große Sorgen über das, was da in Brüssel geschieht. Und ein zweiter Punkt: Wenn jemand Krebs hat, und ich denke, wir haben festgestellt, dass Griechenland Krebs hat, was macht man dann? Man wendet sich an den besten Arzt. Der sorgt für die bestmögliche Behandlung und eine gute Prognose.

Aber genau das hat Brüssel nicht getan. Was soll mit Italien geschehen? In Griechenland hat man gewissermaßen durch Versuch und Irrtum einen Sparansatz erprobt. Aber, medizinisch gesprochen, hatte die Behandlung schwere und fürchterliche Nebenwirkungen. Das hat den Extremisten den Boden bereitet. Da gibt es die rechtsgerichtete Partei „Goldene Morgenröte“ mit Wurzeln in der griechischen Junta und Idealen, die aus der dunklen Zeit Nazi-Deutschlands stammen. Sie gewinnt an Zustimmung – nicht weil die Griechen rechtsgerichtet wären, sondern aus Verzweiflung.

Das erschreckt mich sehr, weil die Dinge rasch aus dem Ruder laufen können. Es gibt auch linksextreme Gruppen, die gleichfalls nationalistisch gefärbt sind. Da kann es leicht zu Unruhen kommen. Die Lage wird sich nicht bessern, falls Brüssel nicht endlich aufwacht – falls wir nicht die richtige Behandlung finden. Griechenland braucht ausreichend Zeit für die Anpassung und einen realistischen Finanzierungsplan, wenn es diesen Krebs überwinden soll. Gebt uns mehr Zeit für die Umsetzung der Veränderungen. Wir Griechen sind ein stolzes Volk und mögen es nicht, auf Rettungsaktionen und politische Entscheidungen angewiesen zu sein, während unsere Wirtschaft zugrunde gerichtet wird. Unterstützt uns mit Würde!

Deutschland ist nicht in der Position, Lehren zu erteilen. In Deutschland wird die Entwicklung sicher nicht denselben Verlauf nehmen wie in Griechenland, aber wir werden dieselben Symptome sehen. Unsere Gesellschaft hält nicht zusammen; wir haben weder diese Familienbande noch starke Kirchen. Unsere gesamte Identität basiert auf dem Reichtum des Landes in den sechziger und siebziger Jahren.

Stergiou: Was wir in Griechenland brauchen, sind weniger staatliche Bürokraten, die diese harten Entscheidungen treffen. Wenn jemand nachts nicht aufwacht, weil er Angst hat, dass der Haushalt nicht ausgeglichen ist, oder als Unternehmer, dass er am nächsten Morgen nicht die Rechnungen bezahlen kann ... Solche Leute sollten ein Land führen, weil sie die Frustration wirklich verstehen. Mir wären erfolgreiche Unternehmer lieber, die wirklich mit Lösungen aufwarten, die die Dinge in die Hand nehmen und entscheiden, was möglich und was nicht möglich ist. Stattdessen haben wir heute Politiker, die noch nie in ihrem Leben ein Unternehmen geführt haben.

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