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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

  • -Aktualisiert am

Boutaris: Auch Unternehmer, die einen gesunden Betrieb führten. Mit 40 bis 50 Mitarbeitern und einem Umsatz von 10 Millionen Euro, und plötzlich ist all das verschwunden. Bauunternehmen und Firmen im Umkreis der Bauindustrie sind verschwunden.

Veremis: Manche gehen nach Qatar oder Dubai, weil sie hochqualifizierte Ingenieure oder Architekten sind.

Constantakopoulos: Wir brauchen Wachstum. Aber man kann durch Einsparungen kein Wachstum erzeugen. Es muss etwas Wachstum geben. Wenn man einer alten Dame die Pension kürzt, wären diese 20 oder 50 Euro mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent in den Konsum gegangen. Man streicht also in Wirklichkeit die Wirtschaft zusammen.

Boutaris: Da ist viel Zeit verloren worden.

Constantakopoulos: Viele Menschen haben ihre Arbeit, ihr Einkommen, ihren Haushalt verloren. Was tun wir für sie? Ich glaube, das Beste, was wir als Land, als Branche, als Gesellschaft tun können, ist die Schaffung nachhaltiger Arbeitsplätze. In der Zwischenzeit und bis wir einen Zustand erreicht haben, in dem alle Menschen ein ausreichendes Auskommen finden können, müssen alle ihren Teil beitragen und helfen. Ich kenne Hilfsorganisationen, die man anrufen kann, um ihnen zu sagen: „Ich habe hier zehn Äpfel übrig.“ Dann verbinden sie einen mit jemandem, der sie brauchen kann. Es ist unglaublich genial, das auf individueller Ebene zu lösen. Ich habe ein halbes Brot übrig, und du kannst es haben ...

Da wird viel getan und überlegt, wie wir uns gegenseitig helfen können. Zum Beispiel auch die Kirche und andere Institutionen: Man geht in den Supermarkt und kauft etwas, und dann kann man an den Kassen der meisten Supermärkte in Griechenland etwas in einen besonderen Korb legen, an dem steht: Wir brauchen Nudeln oder Milch usw. Da gibt es auf ehrenamtlicher Ebene einen gewaltigen Einfallsreichtum. Der Hunger wird dadurch in Griechenland auf einem Mindestmaß gehalten. Die Gesellschaft hält wirklich zusammen. Das hat auch mit den griechischen Werten zu tun, die Familien unterstützen sich gegenseitig. Die Dörfer kümmern sich um ihre schwächsten Mitglieder, ebenso die Nachbarschaft, und die Kirche spielt eine wichtige Rolle. Andererseits werden die Regeln des Marktes vom größten Player bestimmt. Der größte Player war bisher der Staat. Das ist nun anders. Wirtschaftliche Probleme können gelöst werden; aber wenn die Wirtschaftskrise sich in eine soziale Krise verwandelt, kann uns das 30 Jahre zurückwerfen.

Wie dünn ist die Eisdecke der Zivilisation?

Constantakopoulos: Ich weiß nicht, wie dünn sie ist; aber es gibt diese Decke eindeutig. Wir brauchen Strukturreformen, aber andererseits brauchen wir auch Wachstum. Wir leben jetzt seit sechs Jahren in der Rezession – oder sollte ich besser sagen: Depression? Das ist zu viel. Rezession bedeutet, dass Ihr Nachbar sein Haus verliert. Depression bedeutet, dass Sie selbst Ihr Haus verlieren.

Braucht Griechenland weniger Sparpolitik?

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