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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

  • -Aktualisiert am

Boutaris: Wenn Spezialisten in die griechische Wirtschaft kommen und wirklich etwas von der griechischen Wirtschaft verstehen und wenn sie die besten Praktiken aus Deutschland oder Europa übernehmen und an die griechischen Bedingungen anpassen, dann kann das schon eine große Hilfe sein. Aber die ganze Brüsseler Bürokratie ist unerträglich für ganz Europa. Dort liegt das eigentliche Problem.

Olympios: Man muss ein Sicherheitsnetz schaffen. Man muss andere Prinzipien und moralische Orientierungen in den Mix aus Maßnahmen und Politik einbringen. Man muss einsehen, dass das soziale Gefüge nicht ohne Rücksicht auf die Kosten erschüttert werden darf. Obwohl Griechenland weitaus mehr Ziele erreicht als verfehlt hat, wieso gerät die Troika in Panik wegen der geringsten Rückgänge in den Steuereinnahmen aus einer finanziell bereits ausgelaugten Öffentlichkeit, ist aber nicht ebenso alarmiert wegen sozialer Krisen? Wieso brauchen wir besondere finanzielle Hilfe, aber keine soziale? Wie europäisch ist es, dass das Programm keine sozialen Richtgrößen enthält? Dass es das von ihm ausgelöste Leid nicht berücksichtigt? Wir müssen auch die Lernerfolge berücksichtigen und die Härte der Umstände anerkennen.

Boutaris: Nur reales Wachstum kann neue Arbeitsplätze bringen. Man könnte zu jedem Unternehmen gehen und sagen: Ihr könnt fünf Leute umsonst haben. Ich zahle dafür.“ Aber das würde nichts nützen. Wir müssen echte, nachhaltige Arbeitsplätze schaffen.

Sie alle haben während der Krise keine Leute entlassen, sondern neue Arbeitsplätze geschaffen?

Kefalogiannis: Wir haben jedenfalls unsere Belegschaft vergrößert.

Boutaris: Haben Sie die Löhne gesenkt?

Kefalogiannis: Nein, wir haben die Löhne nicht gesenkt, und wir haben niemanden entlassen.

Constantakopoulos: Wir mussten einige gehen lassen, aber wir haben andere eingestellt. Jetzt bauen wir gerade eine zweite Niederlassung auf einem 100 Hektar großen Grundstück. Wir erwarten, dass wir in unmittelbarer Zukunft weitere Arbeitsplätze schaffen können.

Retsos: Sie sprechen hauptsächlich über neugegründete Unternehmen. Mein Unternehmen ist 50 Jahre alt, und ich kann Ihnen versichern, dass wir zwar Leute ausgewechselt haben, aber die Belegschaft blieb gleich groß und wurde in manchen Fällen sogar vergrößert.

Gibt es andere im privaten Sektor, die von der alten Staatswirtschaft in Griechenland profitiert haben, und sind sie heute noch mächtig?

Veremis: Es gibt Leute, die direkt profitierten, weil sie das Sagen hatten. Aber es gibt eine ganze Klasse von Menschen, die bedeutende Opfer gebracht haben. Sie hatten anfangs einen guten Job und eine Familie mit drei oder vier Kindern, arbeiteten sich im Management ihrer Unternehmen hoch und sind nun seit vier Jahren arbeitslos. Diese Leute sind ein anderer Fall als die Arbeitslosen aus den unteren Schichten. Sie haben eine ausgezeichnete Ausbildung, waren vor fünf Jahren noch aufstiegsorientierte Manager, ihre Kinder gingen auf Privatschulen, alles lief bestens, und plötzlich ist ihre Welt vollständig zusammengebrochen. Es gibt viele Leute dieser Art. Ich kenne eine ganze Reihe von ihnen persönlich.

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