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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

  • -Aktualisiert am

Nach der Peitsche also ein wenig Zuckerbrot?

Kefalogiannis: Ich glaube nicht einmal die Peitsche. Es sollte von Anfang an eine klare Vision geben. Diese Vision wurde nicht geboten, weil Europa solch eine Vision leider nicht hat. Wir alle wissen, die wirtschaftliche Elite hing zu 100 Prozent mit der politischen Elite zusammen, weil sie durch den Umgang mit dem griechischen Staat erst entstanden war. Sie ist immer noch da. Sie widersetzt sich immer noch dem Wandel, und sie ist ein Hindernis für das neue Griechenland.

Olympios: Ich glaube, es sollte eine klarere und aufrichtigere Diskussion über Verantwortung geben. Die Brüsseler Eliten reden über den öffentlichen Dienst in Griechenland und stellen den Durchschnittsgriechen klischeehaft als steuerhinterziehenden und faulen nichteuropäischen Bürger dar, aber sie vermeiden es, über die eigene Verantwortung und die der griechischen Politiker und Wirtschaftseliten zu sprechen. Die griechischen Politiker machen ihren Gegnern und der Troika Vorwürfe. Sie verheimlichen die Wahrheit immer noch vor der Öffentlichkeit, um die patriarchalische Gesellschaft zu schützen, die es ihnen erlaubt, Entscheidungen für die Öffentlichkeit statt mit ihr zu treffen.

Mehr als fünfzehn Jahre lang surfte Griechenland auf der Welle des Materialismus. Überschwemmt von nicht verdientem Geld und dem Gefühl, ein Anrecht darauf zu haben. Es war wahrscheinlich der am wenigsten hellenistische Ort auf der Welt. Ich persönlich spüre die zersetzende Kraft einer Umwelt, in der die schlimmste, materialistischste Seite des Charakters Applaus erntet, statt isoliert zu werden. Ich habe Dinge getan, die ich bedauere, und ich hätte ganz sicher ein besserer und verantwortungsbewussterer Bürger sein können. Dass „alle es getan haben“, ist keine Entschuldigung für ethische Elastizität. Ich glaube, es gibt ein kollektives und eigenständiges Schuldgefühl, das den Grund für das Ausbleiben ernsthafter sozialer Eruptionen darstellt.

Aris Kefalogiannis, geboren 1960, ist Gründer und seit 1995 CEO von Gaea, einem griechischen Unternehmen, das authentische und innovative griechische Nahrungsmittel in aller Welt vertreibt. Außerdem ist er Vizepräsident des Verbandes der griechischen Olivenölhersteller. Davor war er CEO der Proton Marine Services in London, die Dienstleistungen für den Schiffbau anbieten, sowie Finanzberater bei der Merchant Investors Group London.

Hätte die europäische Gemeinschaft etwas anderes tun können? Oder ist es ein Systemfehler?

Olympios: Natürlich. Es kann sich unmöglich um ein ausschließlich griechisches Versagen handeln. Es ist auch ein europäischer Unfall, ein Systemversagen. Der Unfall fand gewissermaßen in Zeitlupe statt, viele sahen ihn schon Jahre vorher kommen. Aber der Fairness halber muss man sagen, dass der Fehler immerhin in Griechenland begangen wurde. Dass Eurostat die Griechen nicht erwischte, ändert ja nichts daran, dass man durch die Manipulation der Statistik Diebstahl beging, und wenn man beim Stehlen erwischt wird, verdient man auch, als Dieb behandelt zu werden.

Es muss in Brüssel Leute gegeben haben, die davon wussten...

Olympios: Natürlich wussten sie es. Aber nochmals, der Wandel darf nicht nur institutioneller Art sein, und die Reform muss auf der Ebene der Person, der Gemeinde, des Unternehmens und der Politik stattfinden. Ein neuer Bürger kann nicht auf einer Ebene allein geschaffen werden.

Gibt es etwas, das unmittelbar helfen könnte?

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