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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

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Ich glaube nicht, dass die Deutschen auf so etwas vorbereitet waren. Wie Sie sagen, können die Bürokraten in solch einer Situation unendlich viele Entscheidungen treffen. Jetzt muss Europa entscheiden, ob es sich zu einer Föderation weiterentwickeln will oder ob wir alle unseren eigenen Weg gehen sollen. Zumindest die Spielregeln müssen festgelegt werden, weil es sonst unmöglich ist, irgendeine Politik zu verfolgen. Ich glaube, auf politischer Ebene ist dieser neue Chauvinismus der große Fehler, den Deutschland begangen hat – die Art wie Deutschland oder die deutschen Medien (wie die Bürger denken, weiß ich nicht) den Süden und vor allem die Griechen dargestellt haben. Das weckte Erinnerungen an den Krieg. Das wirbelte viel von der trüben Geschichte auf, und vor allem sorgte es für die Polarisierung und die Animosität – alles, was mit so viel Sorgfalt und Weisheit nach 1945 geheilt worden war. Auf politischer Ebene hat man damit Monstren aufgeweckt.

Stellios Y. Boutaris, geboren 1965, ist Geschäftsführer und Anteilseigner des Weinbaubetriebs Kir-Yianni, der zu den zehn größten in Griechenland gehört und seine Weine weltweit verkauft. Außerdem leitet er die Weinvertriebsgesellschaft W. S. Karoulias in Athen, mit zwölf Millionen Euro Umsatz das führende Unternehmen dieser Art in Griechenland.

Kefalogiannis: Ich möchte nur einen weiteren Faktor hinzufügen, der mit dem zeitlichen Rahmen zusammenhängt. Ich glaube, der Versuch, solch ein Programm, das mit politischen, sozialen und ökonomischen Aspekten zu tun hat und so viele Reformen erfordert, in anderthalb bis zwei Jahren durchzuziehen und den Menschen zu versprechen, 2012 könnten wir auf die Märkte zurückkehren und alles wäre wie zuvor – dieser Versuch war von Anfang an ein großer Fehler. Der Schock war gewaltig, aber wenn die Griechen das gewusst hätten: Gut, die Dinge werden sich ändern; wir werden leiden, aber es gibt einen Zehnjahresplan, und danach werden wir in zehn Jahren das und das erreicht haben – dann wäre die Mentalität ganz anders. Ich glaube, dann wären die Menschen eher bereit, sich den Notwendigkeiten zu beugen. Von Anfang an gab es eine große Lüge seitens der EU und seitens der griechischen Regierung; und von Woche zu Woche machte man andere Versprechungen. Die Griechen waren und sind vollkommen verwirrt. Sie wissen nicht, was sie erwartet. Der Zeitrahmen war ein großer Fehler, für den wir jetzt den Preis zahlen.

Wir nähern uns immer deutlicher dem Problem des öffentlichen Sektors. Wir alle sind uns einig: Weniger staatliche Behinderung, weniger staatliche Kontrolle, weniger unnötige Bürokratie sind gut. Aber wenn man Polizei, Krankenhäuser und Infrastruktur vernachlässigt, kann die Wirtschaft nicht gedeihen. Wie findet man hier das richtige Gleichgewicht?

Kefalogiannis: Der Staat soll kein Privatunternehmen sein. Der Staat soll die Wirtschaft unterstützen. Hier in Griechenland hat der Staat viele Jahre alles gemacht. Das bis vor kurzem und in gewissem Maße bis heute wichtigste Problem lautet: Der Umgang mit dem griechischen Staat erfolgt auf direkter persönlicher Ebene. Man muss hingehen und jemanden treffen. Das wird nicht auf elektronischem Weg erledigt. Wenn man aber alles persönlich erledigen muss, wird daraus ein persönlicher Handel. Wenn das Handeln beginnt, geht es in Korruption über, und dann geht es noch einen Schritt weiter. Man kann den Staat nicht abschaffen. Was wir abschaffen müssen, ist der persönliche Umgang mit dem Staat. Er muss unpersönlich werden.

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