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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

  • -Aktualisiert am

Ist die Medizinbranche ein Krisengeschäft?

Stergiou: Wir stellen eine Zunahme der Depressionen und der Selbstmorde fest – aber wir müssen uns diese Zahlen sehr genau anschauen, bevor wir Schlüsse daraus ziehen. Wie Sie sich vorstellen können, sind hohe Depressionsraten und eine hohe Zahl sexuell übertragener Krankheiten wahrscheinlich sowohl direkt als auch indirekt mit der Wirtschaftskrise verbunden. Die Menschen sind weniger vorsichtig. Wenn man HIV zum Beispiel früh genug entdeckt, kann man es sogar heilen. Wir verwenden den in Europa zugelassenen HIV-Test, mit dem sich mit einer Sicherheit von 99,8 Prozent innerhalb einer Minute feststellen lässt, ob man infiziert ist oder nicht. Letztes Jahr wurden mehr als 200 Prostituierte mit diesem Test als HIV-positiv erkannt. In einer Krise braucht man dringend solche Innovationen.

Bedauern Sie es, nach Griechenland zurückgekommen zu sein?

Stergiou: Ganz und gar nicht. Ich habe eine Weile gebraucht, um die griechische Mentalität zu verstehen, obwohl ich selbst Grieche bin. Ich glaube, wir müssen sehr darauf achten, nicht wieder in die alte Falle zu gehen und mit dem Strom zu schwimmen oder, wenn ich so sagen darf, die Dinge auf griechische Art zu tun. Man muss unbedingt an der Ethik festhalten, die man außerhalb Griechenlands gelernt hat, und sein Unternehmen dann so führen, wie man es gewohnt ist, um diese Dinge dann hier in die Kultur einzubringen. Wenn man das tut, hat der Himmel keine Grenzen.

Was ist das Positive daran, Grieche zu sein? Deutsche sind vielleicht nicht kreativ genug... Die Griechen wohl? Was können sie an Besserem bieten? Sind sie bessere Deutsche vielleicht oder bessere Europäer?

Stergiou: Es war kein Zufall, dass die Medizin in Griechenland geboren wurde. Das ganze Denken und die ganze DNA der Medizin stecken in uns. Wir haben dieses innovative Denken. Wir sind in vielerlei Hinsicht kreativer, und ich bewundere die Griechen dafür. Wenn es ein Problem gibt, werden wir drei, vier, fünf Lösungen dafür finden.

Veremis: Ich kann ein wenig vergleichen, weil ich im Verkauf eine Menge Leute unterschiedlicher Nationalität in mehr als 40 Ländern habe. Und ohne Vorurteil: Die Griechen sind am anpassungsfähigsten.

Wenn in Deutschland eine ähnliche Situation herrschte wie jetzt in Griechenland, hätten wir wahrscheinlich keine Demokratie mehr. Die Politiker haben es unterlassen, den Deutschen zu erklären, dass nicht nur Griechenland, sondern ganz Europa sich neu strukturiert. Danach wäre Griechenland, anders als wir jetzt meinen, nicht das letzte, sondern das erste Land. Es könnte ein Vorbild sein. Darum die Frage: Was hat Europa falsch gemacht?

Veremis: Im politischen Sinne besteht Europa heute im Vergleich zur Zeit vor zehn Jahren aus sehr viel introvertierteren Ländern und aus sehr viel chauvinistischeren Bürgern, die allenthalben nach Unterschieden statt nach Gemeinsamkeiten suchen. Wenn Sie mich fragen, lautet die entscheidende Frage nicht, was die Deutschen über die Griechen oder die Spanier denken, sondern was sie über sich selbst denken. Was wollen sie in zehn Jahren sein? Die Krise hat die gesamte Konstruktion einer ernsten Belastungsprobe ausgesetzt. Und die Reaktion war in erster Linie von Introversion geprägt. In einer von Introversion geprägten Situation fällt natürlich der stärksten Partei, das heißt Deutschland, die Verantwortung, aber auch die schwierige Aufgabe zu, Führung anzubieten.

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