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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

  • -Aktualisiert am

Ich war auf dem Peloponnes, als dort gerade die Zitrusernte im Gang war. Überall Busse mit Arbeitern aus Rumänien oder Albanien. Ich sah keinen einzigen Griechen auf den Feldern, und das lässt sich den Deutschen nur schwer erklären.

Boutaris: Ich muss allerdings sagen, dass ich in diesem Jahr zum ersten Mal drei Griechen so um die 50 hatte, die gekommen waren, weil sie die 35 Euro Tageslohn unbedingt brauchten. Aber die Jüngeren wollen immer noch nicht, und das hat mit der Mentalität in den Familien zu tun. Ein Vater, der ein Arbeiter oder ein Bauer ist, möchte nicht, dass seine Kinder dasselbe werden. Er möchte, dass sein Kind Rechtsanwalt wird. Auch das hat sich in letzter Zeit verändert. Nun ist der Vater stolz, wenn sein Sohn auf dem Hof arbeitet.

Man hat wirklich das Gefühl, dass sie alle in einem einig sind: Es gibt immer noch eine unglaubliche verborgene Kraft in diesem Land. Das spüre ich jedenfalls.

Boutaris: Ich sage immer, wir werden die nächste boomende Wirtschaft sein. Aber meine Freunde meinen, ich scherzte nur.

Angelos Stergiou: Als ich 2011 als Arzt und Unternehmer nach Griechenland zurückkam, zitierte ich mit Vorliebe Louis Pasteur: „Veränderung nützt dem Verstand, so dass er vorbereitet ist.“ Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen, ich habe fast mein ganzes Leben in Hagen verbracht. Später habe ich Naturwissenschaften und Medizin in Amerika studiert. Deshalb bin ich Veränderungen gewöhnt und glaube, darauf vorbereitet zu sein. Ich denke, die Deutschen müssen begreifen, dass die Griechen keine „schlechten Deutschen“ sind. Das ist ein falsches Etikett.

Die Griechen gehören einer völlig anderen Kultur an. Sie könnten fragen, warum nicht mehr Griechen in der Landwirtschaft arbeiten oder warum sie ihr Geld auf der Insel Mykonos ausgeben, obwohl sie sich lieber fragen sollten, wie sie morgen an das nötige Geld kommen können, um ihre Rechnungen oder Medikamente zu bezahlen. Die meiste Zeit machen sie sich nicht solche Sorgen. Das ist eben unsere Kultur; wir sind anders. Ich glaube allerdings, mit der Krise verändert sich auch diese Seite unserer Persönlichkeit, weil sie uns gelehrt hat, dass wir die Dinge nicht für selbstverständlich halten dürfen.

Betreiben Sie Ihre Geschäfte mit dieser Mentalität?

Stergiou: Die Unternehmensgruppe, die ich 2012 gegründet habe, die Sellas Life Science Group und die Sellas Clinicals, ist ein einzigartiges Geschäftsmodell. Wir sind das einzige auf klinische Versuche spezialisierte Unternehmen in Griechenland. Das Ganze begann 2011. Damals kehrte ich als Vizepräsident eines großen amerikanischen Pharmaunternehmens hierher zurück, aber tatsächlich geschah das aus zwei romantischen Gründen. Der eine war die Tatsache, dass meine damalige Verlobte und jetzige Ehefrau hier lebte. Der zweite lag in dem aufrichtigen Wunsch, etwas Gutes für Griechenland zu tun.

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