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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

  • -Aktualisiert am

Ich möchte auch auf die Frage zum öffentlichen Sektor zurückkommen. Nach meinen Erfahrungen funktioniert er heute besser. Ich habe es in meiner Branche mit drei staatlichen Stellen zu tun. Eine davon ist der Zoll. Seit sechs Monaten ist der Zoll nun vollständig auf Computer umgestellt, und alles ist besser geworden. Die zweite Stelle ist das Finanzamt. Ich muss sagen, die Schließung des örtlichen Finanzamts und seine Verlegung in die Hauptstadt unseres Landes sind eindeutig besser für den Staat und eindeutig besser für mich als Steuerzahler. Vielleicht ist es nicht so gut für die örtlichen Steuerhinterzieher. Die dritte Stelle ist das Landwirtschaftsministerium, das plötzlich mit uns zusammenarbeiten will. Sie möchten, dass es uns gut geht. Sie fragen uns, wie es um unseren Absatz steht, oder bringen Formulare vorbei und helfen beim Ausfüllen. Unglaublich.
Subventionen und andere Absonderlichkeiten

Wissen Sie, wie das klingt? In gewisser Weise haben wir Ähnliches bei der Wiedervereinigung erlebt, als die ostdeutsche Staatsverwaltung mit dem Kapitalismus konfrontiert wurde. Plötzlich und aus heiterem Himmel begannen sie sich für die Menschen zu interessieren.

Constantakopoulos: In einer Auslandsvertretung gab es einen sehr ineffektiven Beamten, der für die Visavergabe zuständig war. Ein Minister – den Namen möchte ich nicht nennen – fragte ihn, warum er nicht mehr Visa erteile. Er antwortete: „Ich dachte, ich bin hier, um die Grenzen zu schützen und dafür zu sorgen, dass möglichst wenige kommen.“ (Gelächter.) So ging das früher zu.

Hier werden Säulen ertüchtigt und teilweise aus jahrhundertelang verstreuten Splittern wieder zusammengesetzt: der Parthenon, der Athene geweihte Haupttempel der Akopolis.

Boutaris: In der Landwirtschaft hatten wir in den vergangenen zwanzig Jahren in Griechenland unglücklicherweise diese Subventionskultur, die den landwirtschaftlichen Sektor vollkommen ruiniert hat. Eigentlich ist es das Natürlichste von der Welt – die Pflanzen wachsen. Alles wächst. Wir sind mit solchen Verhältnissen gesegnet. Aber diese Leute warteten nur auf Subventionen...

Aus Brüssel.

Boutaris: Aus Brüssel oder vom griechischen Staat. Da hat sich inzwischen viel verändert. Heute haben wir ehrgeizige junge Landwirte, die wirklich etwas von ihren Erzeugnissen verstehen. Sie bauen Weintrauben an. Heute kann ich sagen: „Wenn ich Ihre Trauben kaufen soll und wenn Sie einen guten Preis haben wollen, brauche ich die beste Qualität.“ Sie verstehen, dass das Endergebnis von der Frucht abhängt, die sie anbauen. Früher hieß es: „Ich verlange bei jeder Qualität einen guten Preis und schere mich nicht darum, was Sie dann aus meinem Erzeugnis machen.“ All das war die schädliche Folge der „Subventionskultur“. Das konnte nicht überleben.

Wie ist die Stimmung auf dem Lande?

Boutaris: Wenn Sie dorthin gehen, haben Sie den Eindruck, alles wäre normal. Das gehört zu den Absonderlichkeiten in Griechenland. Wenn Sie abends hinausgehen, scheinen alle glücklich zu sein. Auch haben die Menschen auf dem Land eigene Häuser. Alle lebten zusammen und besaßen gerade einmal fünf Hektar Land mit Pfirsichbäumen, das ihnen ein Zusatzeinkommen bot. Diese einfache Lebensweise hält auch noch die griechische Gemeinschaft zusammen, vor allem auf dem Land. Wir haben aber auch immer noch bulgarische und albanische Arbeiter. Die Griechen sind immer noch nicht bereit, in der Landwirtschaft zu arbeiten.

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