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Gegen das Griechenland-Bashing : Die griechische Utopie

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Olympios: Allerdings. Das ist ganz offensichtlich ein Vorteil, weil ein großer Wirtschaftsraum zwischen diesen Balkanländern entsteht, und es gibt auch einen kulturellen Vorteil. Nordgriechenland profitiert vom Verkauf von Zweitwohnungen, die Städte dort sind Wochenendreiseziele für viele aus der Mittelschicht der Balkanländer. Thessaloniki könnte ein Schmelztiegel der Balkankultur werden. In meinen Augen muss Griechenland die Subjektivität feiern und ein weniger homogenes, stärker internationales, für Menschen und Ideen offeneres Land werden, sonst wird jede Diskussion über Wirtschaft, Wachstum oder Kreativität und Ausdruck von Anfang an unterminiert.

Und in Griechenland selbst? Hat sich das Klima dort auch verändert?

Olympios: Es hat sich verändert. Mein Lieblingsbeispiel ist die griechische Kultur. Viele Jahre kontrollierte der Staat über seine Subventionen den künstlerischen Ausdruck. Abgesehen von wenigen ganz Großen in der griechischen Kulturszene nach der Diktatur, den heiligen Kühen, die Ausdruck und Meinung unter Kontrolle hatten, gab es für viele andere nur wenige Chancen. Die Zensur der Ideen und des Ausdrucks war normal aufgrund der Anerkennung des einen zentralen Mainstream und homogenen geistigen Raums in der hässlichen Beziehung zwischen Politik und künstlerischem Ausdruck.

Heute sind sowohl die Politik als auch die Kirchenführung unseres Landes weitaus liberaler und kosmopolitischer. Sie haben auf dem Rücksitz Platz genommen und scheinen zu begreifen, dass Kreativität sich nicht kontrollieren lässt. Ein mutiges Beispiel aus jüngster Zeit ist die Entscheidung des Premierministers, den Bau einer Moschee in Großathen zu genehmigen. Es ist eine Schande, dass die Griechen, die seit vielen Jahren in aller Welt Religionsfreiheit genießen und sich selbst ihrer Gastfreundlichkeit rühmen, nicht einmal den muslimischen Griechen erlaubt haben, in der Hauptstadt eine Moschee zu errichten. Der Premierminister hat begriffen, dass Fortschritt nur durch Toleranz möglich ist.

Hören wir einen Mann, der sein Geld auf dem Lande verdient.

Stellios Boutaris: Tatsächlich, ich bin im Weinbau tätig. Ich möchte auf Ihre erste Frage zurückkommen, ob die Krise gut oder schlecht für Griechenland war. An diesem Tisch hier können wir sagen, dass sie gut war. Aber diese Antwort gilt mit Einschränkungen, denn es gibt beträchtliche soziale Probleme. Andererseits ist die Krise insofern gut, als sie uns alle zwingt, darüber nachzudenken, was wir getan haben, zum Beispiel im Bereich des Weinbaus. Dass Griechenland in allen Zeitungen so lange auf der ersten Seite zu finden war, ist sehr gut, bei jeder schlechten Geschichte suchen die Leute auch nach einer guten.

Der Wein war für Griechenland eine gute Geschichte. Es klingt paradox, aber in Deutschland hat sich der Absatz griechischen Weins in den letzten zwei Jahren verdreifacht. Das ist doch widersinnig. Aber der Absatz ist gewachsen. Plötzlich gibt es da so etwas wie einen griechischen Vorteil. Und wir reagieren schnell. In unserer Branche blickten die meisten Weinerzeuger ins Ausland, begannen zu exportieren, zu reisen, die Kosten zu senken und neue Produkte zu entwickeln. Wer sich nicht schnell genug um Innovationen bemühte, flog aus dem Markt.

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