https://www.faz.net/-gqz-use9

Gefährliche Erregung : Ist Pädophilie wirklich therapierbar?

  • Aktualisiert am

Ja, sexuelle Phantasien sind der Ausdruck einer Sehnsucht, die jedem Menschen eigen ist: dass man in seinem So-Sein von einem anderen, dem Liebespartner, anerkannt, dass man angenommen wird. Die meisten Menschen können ihre Sehnsucht in partnerschaftlichen Beziehungen mit altersadäquaten Sexualpartnern verwirklichen - und zwar deshalb, weil ihre sexuelle Orientierung das für sie zielführend macht: Sie weisen eine sexuelle Ansprechbarkeit für den erwachsenen Körper auf, am allerhäufigsten für den des Gegengeschlechts. Deshalb verlieben sich die meisten Männer in Frauen und umgekehrt. Menschen mit pädophiler Neigung verlieben sich in Kinder - sie begehren das Gefühl der Akzeptanz von ihnen, keineswegs nur sexuelle Handlungen und Erregungshöhepunkte.

Einen gravierenden Unterschied gibt es allerdings: Einverständliche sexuelle Kontakte mit Erwachsenen sind nicht mit Fremdgefährdung verbunden - im Gegensatz zur Verwirklichung pädophiler Impulse.

Ist diese Sehnsucht nach Geborgenheit im und durch den anderen stärker als die sexuelle Befriedigung?

Sie ist viel stärker, wenn es auch heute so aussieht, als ob die sexuelle Befriedigung das vorrangige, das einzige und das entscheidende Ziel aller Begegnungen ist.

Was steckt dahinter?

Die Hoffnung, dass der Sex die Nähe schaffen möge, die man als Mensch offenbar sonst nicht mehr so einfach findet.

Aber Sex hilft doch, Nähe zu schaffen?

Schon, aber welches Motiv ist maßgeblich: Selbstverwirklichung oder Erleben von Gemeinsamkeit. Wird Nähe konsumiert oder hat sie einen eigenen Sinn, der sich durch die Gemeinsamkeit erst erschließt? Sex wird in unserem Kulturkreis derzeit sehr stark als Lust an sich selbst und an der Selbstinszenierung konstruiert. Überall die Aufforderung, eigene Phantasien, Ideen, Talente zu entwickeln, also das Erleben in den Dienst der größtmöglichen Selbstbezogenheit zu stellen.

Der gesichtslose Orgasmus?

Der bindungslose Orgasmus. Ein deutlicher Hinweis darauf ist die Tatsache, dass immer mehr pharmazeutische und chirurgische Hilfen bereitgestellt werden, um die blinde Erfüllung der sexuellen Wünsche zu garantieren. Die wirkliche Begegnung zwischen zwei Menschen bleibt dabei auf der Strecke.

Haben bei diesem Verlust an Beziehungsfähigkeit die Kino- und Fernsehbilder mitgewirkt? Oder anders gefragt: Könnte man nicht sagen, dass die Kino- und Fernsehbilder einen gerade für die Bewältigung menschlicher Konflikte und also für die menschliche Begegnung reifer machen?

Ich sehe jedenfalls keine bindungsfördernde Kultur, sondern eine Überbetonung des Sexuellen. Und grundsätzlich ist es doch so, dass beim Vergleich zwischen der sexuellen Welt der Kino- und Fernsehbilder mit der Wirklichkeit die Wirklichkeit immer der Verlierer ist - und das würde bedeuten, dass diese sexuelle Phantasiewelt wirkliche Begegnungen eher verhindert oder zumindest Beziehungen mit unerfüllbaren Erwartungen überfrachtet.

Droht uns eine völlig sexualisierte und deswegen bindungsverarmte Kultur?

Wir sind auf dem besten Weg dahin. Sie können sicher sein, dass schon heute daran intensiv geforscht wird, wie sich Männer und Frauen - möglichst nebenwirkungsarm - sexuell über das ihnen mögliche natürliche Maß stimulieren können, um auf diese Weise aus ihrer Einsamkeit herauszukommen, ihre Sehnsucht nach Anerkennung und Geborgenheit zu stillen. Das neue kulturelle Muster lautet: Inszeniere dich für dich selbst, eine Art postmodernes „Selbst für sich selbst“.

Interview: Eberhard Rathgeb und Claudius Seidl

Weitere Themen

Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

Viktor Orbáns Lebenselexier

Empörung aus dem Ausland : Viktor Orbáns Lebenselexier

Von einer „Elite“, gegen die Viktor Orbán kämpfen könnte, ist in Ungarn wenig übrig. Deshalb setzt der Ministerpräsident darauf, dass seine Gesetzesvorhaben aus dem Ausland angegriffen werden.

Topmeldungen

Auch in Ungarn sind nicht alle mit Orbans Politik einverstanden: Protest gegen das Gesetz zur Homosexualität am 14. Juni in Budapest

Empörung aus dem Ausland : Viktor Orbáns Lebenselexier

Von einer „Elite“, gegen die Viktor Orbán kämpfen könnte, ist in Ungarn wenig übrig. Deshalb setzt der Ministerpräsident darauf, dass seine Gesetzesvorhaben aus dem Ausland angegriffen werden.
Das Wahlplakat der Grünen

#Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.
Objekt des Kulturkampfes von Liberalen und Konservativen: Schüler unterschiedlicher Hautfarbe in Großbritannien

Britische Debatte um Weißsein : Wer ist hier benachteiligt?

Der Bildungsausschuss des britischen Unterhauses rechnet mit dem Begriff des „white privilege“ ab. Benachteiligt seien weiße Arbeiterkinder in den Schulen. Aktivisten werfen den Konservativen Kulturkampf vor.
Das beleuchtete Kriegsmahnmal in Wolgograd - dem früheren Stalingrad - am Abend des 21. Juni 2021

Überfall auf die Sowjetunion : Die langen Nachwirkungen des Vernichtungskriegs

Die von Deutschen im Krieg gegen die Sowjetunion verübten Gräuel müssen endlich die Beachtung finden, die ihnen angesichts ihres unglaublichen Ausmaßes zukommt. Nicht nur aus moralischen, sondern auch aus politischen Gründen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.