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Geehrter Handke : Amselfelder

Peter Handkes Hingabe für die Belange Serbiens ist bekannt, und ebenso, dass der Dichter auch im heftigsten publizistischen Gegenwind daran nicht irre wurde. Jetzt wurde ihm in der Serbenenklave Gracanica im Kosovo ein Literaturorden verliehen.

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          Hinterher, heißt es, sei man immer schlauer als vorher. Dagegen spricht ja auch nichts, sieht man von sportlichen Erwägungen ab, weil es gar zu leicht ist, aus der Rückschau vieler Jahre und gestützt auf Hundertschaften von Ingenieuren die Konstruktion der „Titanic“ zu kritisieren. Aber soll man sie deshalb loben? Würde man, ausgestattet mit dem heutigen Wissen, aus sportlichen Gründen in die „Titanic“ des Jahres 1912 steigen, um mit ihr unterzugehen? Am Nibelungenzug teilnehmen? Trojas Tore für ein Holzpferd öffnen? Mit dem Fürsten Lazar in die Schlacht ums Amselfeld ziehen?

          Die fand am 28. Juni 1389 statt, das zahlenmäßig weit unterlegene serbische Heer traf auf die Truppen des türkischen Sultan Murat, und weil, wie es in dem dieser Schlacht gewidmeten Heldengesang heißt, Lazars Schwiegersohn Vuk Brankovic mitten im Kampf die Seiten wechselte, ging die Sache für die Serben übel aus. Brankovic war immerhin geschickt genug, seinen Verrat, den mancher in Lazars Gefolge schon ahnte, im Vorfeld strikt zu leugnen.

          E ndgültig in die serbische Nationalmythologie eingeschrieben

          Peter Handkes Hingabe für die Belange Serbiens ist bekannt, und ebenso, dass der Dichter auch im heftigsten publizistischen Gegenwind daran nicht irre wurde. Jetzt haben ihm die Organisatoren eines Literatentreffens aus der Serbenenklave Gracanica im Kosovo pünktlich zum Jahrestag der Amselfeldschlacht den Literaturorden „Goldenes Kreuz des Fürsten Lazar“ verliehen - als erstem Ausländer überhaupt, wie die Nachrichtenagentur Beta mitteilt. Der Preis sei undotiert, heißt es weiter.

          Sollte er also, wie seinerzeit Handkes Büchnerpreis, zurückgegeben werden, wäre die Sache schnell zu regeln. Bleibt die Waffenbruderschaft. Dass die verlorene Amselfeldschlacht in den modernen Kriegen Serbiens fortwährend als Folie herhalten musste, um die Nation zum Widerstand aufzurufen, ist so bekannt wie immer noch befremdlich. Indem Handke nun diese Auszeichnung entgegennimmt, schreibt er sich endgültig in die serbische Nationalmythologie ein. Dass er nicht auch noch eine Karte für die „Titanic“ lösen würde, kann man nur hoffen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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