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Gedenktag mit Bernard-Henri Lévy : Wie viel Symbolik verträgt Sarajevo?

  • -Aktualisiert am

Fast wie in Paris: BHL (Mitte) im Kreis von Mitstreitern vor dem Nationaltheater in Sarajevo, wo sein neues Stück „Hotel Europa“ uraufgeführt wurde Bild: Marc Roussel

Bernard-Henri Lévy hat sich um Bosnien und seine Hauptstadt verdient gemacht, als sie von Europa verlassen waren. Zum Jahrestag des Attentats kehrte er zurück – mit einem Theaterstück.

          Bernard-Henri Lévy, der französische Philosoph und Menschenrechtsaktivist, betritt mit Elan den Präsidentenpalast der Republik von Bosnien und Hercegovina in Sarajevo. Doch niemand weist ihm den Weg, und seine eigene Entourage, angeführt von seiner Frau, der Schauspielerin Arielle Dombasle, seinen erwachsenen Kindern und des Weiteren bestehend aus einer Horde soeben aus Paris gelandeter Journalisten, verharrt plaudernd in der Eingangshalle – so steht er plötzlich ganz allein auf einer riesigen, viel zu feierlichen Treppe. Und fühlt sich dort ganz wohl. Er ist mit seinen fünfundsechzig Jahren in einem Alter, in dem er gut und gerne selbst als Hausherr, als Staatsmann und Redner in solch einem Amtssitz residieren könnte. Berühmter als die meisten europäischen Präsidenten ist er allemal. Aber er gibt sich wie ein ungestümer Student, der im Kultusministerium eine Unterschriftensammlung übergeben möchte, nimmt die Stufen doppelt und trägt auch zu diesem Anlass keine Krawatte. Kurze Wartezeit in einem prächtigen Saal mit scheußlichen Ölgemälden, dann öffnet sich eine Flügeltür, und der bosnische Präsident Bakir Izetbegović bittet uns in seinen Kabinettssaal. Er ist sieben Jahre jünger als sein Gast, trägt einen sorgsam gestutzten roten Bart und einen hellgrauen Anzug, sein Hemdkragen ist offen und etwas verrutscht, als hätte er kurz vor der Ankunft des Philosophen schnell noch die Krawatte ausgezogen.

          Die Herren kennen sich schon länger. Im Mai 1992, zu Beginn des Bosnien-Krieges, hatte Lévy in Venedig einen Renault 25 gemietet und war mit seinem Freund Gilles Hertzog bis nach Sarajevo gefahren. Auf der Titoallee gerieten sie unter heftigen Beschuss und hielten zufällig vor dem Präsidentengebäude, um Schutz zu suchen. Sie fragten sich durch, wurden schließlich von Alija Izetbegović empfangen und sind seitdem informelle Botschafter der bosnischen Sache. Lévy hat damals mit Susan Sontag und anderen Künstlern, Journalisten und Intellektuellen, aus Sarajevo eine cause célèbre gemacht und den Diskurs der militärisch unterstützten humanitären Interventionen wesentlich geprägt. Das Schadensprotokoll der Autoverleihfirma über den völlig zerschossenen Wagen hat er heute noch.

          Der Instinkt eines Seelsorgers

          Lévy hat damals in Bosnien ein Symbol für Europa erkannt – religiös tolerant und multikulturell mit einer Hauptstadt, in der mit dem Nationaltheater und der Bibliothek die Kultur sichtbar wertgeschätzt wird. Aus der Weigerung Europas, den Bosniern militärisch zu helfen, wurde auf eine gefährliche suizidale Tendenz unseres Kontinents geschlossen, Sarajevo als Verheißung und als düsterer Vorbote. Das ist wohl das Schicksal der bitterarmen Stadt: So viel Symbol, Deutung, Überbau, und der Alltag ist ärmlich und kompliziert. Immerhin ist der Philosoph nicht mit leeren Händen gekommen. Er spendiert dem Theater die Uraufführung seines Stücks „Hotel Europa“, in der Hauptrolle der große Jacques Weber, und stellt sicher, dass Journalisten aus ganz Europa den Weg in die bosnische Hauptstadt finden. Der Präsident kommt in dem Stück übrigens auch vor, wegen seiner physischen Ähnlichkeit mit dem deutschen Philosophen Edmund Husserl. Aber da das Stück erst am Abend aufgeführt wird, weiß er das noch nicht.

          Viel bewegen kann dieser Präsident nicht. Seit den Verträgen von Dayton ist das kleine Land gründlich an jeder politischen Handlung gehindert. Hier gelten mehr als zwölf Verfassungen, wirken zig Regionalparlamente und amtieren über hundert Minister. Die regionalen Politiker sind unbeliebt, untereinander verfeindet, arbeiten sektiererisch und gelten als korrupt. Das Land möchte gerne als Anwärter für die Mitgliedschaft in der EU anerkannt werden, aber die Sache kommt nicht voran. Es bleibt eines der ärmsten Länder Europas, die Spuren des Krieges sind deutlich sichtbar, an den Gebäuden wie an den Menschen.

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