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Gedenkstätten : Anordnung muß sein

Das Berliner Holocaust-Mahnmal Bild: AP

Die Historiker Ulrich Herbert, Norbert Frei und Götz Aly haben einen Plan. Sie verlangen von der Bundesrepublik eine „Gesamtaussage“ zum Nationalsozialismus und möchten Berlins Gedenkstätten einem hauptamtlichen Direktor unterstellen.

          Vor zwei Wochen ging aus der deutschen Hauptstadt eine überraschende Nachricht in die Welt: „Historiker fordern Gesamtdarstellung des NS-Regimes“! Da fehlte flankierend nur die Schlagzeile: „Nach Oscar-Flop: Deutsche Filmindustrie entdeckt Hitler“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wer eine Gesamtdarstellung des NS-Regimes sucht, muß in eine Buchhandlung gehen. Als die Deutsche Verlags-Anstalt begann, die auf drei Bände angelegte Geschichte des „Dritten Reiches“ aus der Feder des berühmten englischen Historikers Richard J. Evans übersetzen zu lassen, ließen sich deutsche Fachkollegen des Autors mit der Einschätzung vernehmen, eine solche populäre Gesamtschau des Forschungsstandes möge auf dem globalen Buchmarkt ihren Wert haben, werde dem hiesigen Publikum aber nichts Neues bieten.

          Konzertierte Aktion

          Doch Ulrich Herbert, Norbert Frei und Götz Aly richteten ihre Forderung, die sie in einer konzertierten Aktion auf einer Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung vortrugen, ja gar nicht an Verlagsbranche oder Buchpreisjurys. Die Gesamtdarstellung des NS-Regimes, die ihnen ein Desiderat ist, soll nicht zwischen Buchdeckeln realisiert werden, sondern an Stellwänden und in Vitrinen, im Medium der historischen Ausstellung - und zwar im Auftrag des Staates.

          Wo die Staatsministerin für Kultur bislang nur erwog, den Institutionen, die in Berlin die nationalsozialistischen Staatsverbrechen dokumentieren, die Kooperation unter dem Dach einer neu zu errichtenden Stiftung zu ermöglichen, da schwebt den Gelehrten nicht bloß eine Dachorganisation, sondern ein komplett neues Gebäude vor.

          Ein gemeinsames Projekt

          Das Denkmal für die ermordeten Juden mit seinem Ort der Information, die Topographie des Terrors auf dem Gelände der Gestapo-Zentrale und die Wannsee-Villa als Ort der massenmörderischen Beschlußfassung sollen „gemeinsam das Projekt ,Dokumentation der NS-Verbrechen' bilden“ und zu diesem Zweck von einem hauptamtlichen Direktor „geführt“ werden - so der Plan, den Ulrich Herbert am 4. März in diesem Feuilleton begründet hat.

          Um die Aufregung einordnen zu können, die die Eingabe der prominenten Projektgruppe nicht nur bei den von den Neubauplänen Betroffenen hervorgerufen hat, muß man das Haus beim richtigen Namen nennen: Eine Behörde soll entstehen, ein Amt für nationales Gedächtnis. Ausdrücklich hat Herbert seinen Vorschlag nicht auf die Erwartung administrativer „Synergieeffekte“ gestützt.

          Peinliche Bauruine

          So kann beim Für und Wider nicht den Ausschlag geben, ob dem gesuchten Gesamtdirektor die Überlistung des Berliner Schlendrians zuzutrauen wäre, der für die peinliche Bauruine der Topographie verantwortlich ist. Es geht ums Große und Ganze, um Politik. Was würde die Schaffung der Dauerstelle eines Projektleiters NS-Gesamtdokumentation für die Öffentlichkeit der Republik bedeuten?

          Es gäbe dann in allen vergangenheitspolitischen Streitfällen einen geborenen Gutachter, dem kraft Amtes das erste Wort zufiele. Man hört die Radiomeldungen schon: „Berlin. In der Kontroverse um die als antisemitisch kritisierte Rede des Bundestagsabgeordneten H. sagte der Direktor der Bundesstiftung Dokumentation der NS-Verbrechen...“ Es redete dann eben nicht nur der Leiter eines universitären Zentrums für Antisemitismusforschung. Oder der Beiratsvorsitzende eines von mehreren hauptstädtischen Informationsorten. Und auch nicht der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte. Das IfZ, das in Berlin nur eine Abteilung unterhält, ist seiner Alimentation durch Bund und Länder zum Trotz eine Einrichtung der reinen Forschung.

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