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Gedenksäule vor dem Reichstag : Asche zu Asche

  • -Aktualisiert am

„Mit Asche von Opfern des Holocaust sollte man keine Kunst und Politik machen“: Der Autor Eliyah Havemann versuchte vergeblich, die Stele des ZPS abzubauen. Bild: dpa

Seit Wochen steht eine Gedenksäule vor dem Reichstag, die angeblich Asche von Holocaust-Opfern enthält. Nun gibt das „Zentrum für Politische Schönheit“ kleinlaut zu: Das lässt sich gar nicht nachweisen.

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          Sie schmückten sich mit der Asche der Toten und wundern sich nun über den Aufschrei, der durch die Republik geht: Das „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) ist mit einer seiner geschmacklosesten Aktionen kläglich gescheitert. Seit Wochen steht vor dem Reichstag auf dem Platz der einstigen Krolloper eine Säule, die, so hieß es anfangs, Asche von Holocaust-Opfern enthalten sollte. Welche Belege es dafür gab, wusste im ZPS zunächst niemand so recht zu sagen. Auf jeden Fall aber sei es Asche von Menschen, die im Umkreis von Vernichtungslagern gefunden worden sei. Das müsse doch Asche der Ermordeten sein!

          Blieben die Aktionskünstler schon hier jeden Beleg dafür schuldig, gesteht der Leiter des Künstlerkollektivs Philipp Ruch mittlerweile ein, es lasse sich doch nicht feststellen, ob die Asche, die inzwischen entfernt und an die Orthodoxe Rabbinerkonferenz übergeben wurde, tatsächlich von Holocaust-Opfern stamme. Ach, und das hätte man nicht klären können, bevor die damit demonstrierte Störung der Totenruhe sämtliche Vertreter jüdischer Organisationen auf den Plan rief, weil sie darin zu Recht einen Verstoß gegen ihre Religionsgesetze erkannten? Das habe man nicht gewollt, behauptet Ruch nun. Wirklich nicht? Wie kommt es dann, dass das ZPS auf Twitter den gescheiterten Versuch des projüdischen „Aktionskünstler-Komitees“, die Säule zu entfernen, geradezu genüsslich verspottete? Das sei ihm alles viel zu identitätspolitisch aufgeladen, sagte Ruch dem „Tagesspiegel“. Schließlich sollten nicht nur Juden über den Holocaust reden dürfen. Wie bitte? Mit vermeintlicher Totenasche soll vor einer Wiederholung des Nationalsozialismus gewarnt werden – wenn sich aber Juden gegen diese Aktion wehren, müssen sie sich anhören, sie trügen zu einer „Identitarisierung“ der Debatte bei?

          Über das eigentliche Anliegen der Aktion sei gar nicht gesprochen worden, beklagte sich Ruch gleich in mehreren Interviews mit der Berliner Tagespresse: nämlich die drohende Übernahme des Staates durch „die neue NSDAP“, deren unaufhaltsamer Aufstieg von den „schlechten Konservativen“ vorangetrieben werde. Im Klartext: Wer notgedrungen akzeptiert, dass die AfD eine demokratisch gewählte Partei ist und deshalb als solche behandelt werden muss, ist sofort ein Faschist – und zu dieser Haltung tendierten vor allem, so die kenntnislos historisierende Logik des ZPS, die Mitglieder von CDU und CSU. Richtig ist: Es gibt Faschisten in der AfD. Richtig ist aber auch, dass das in den Unionsparteien kaum jemand begrüßen dürfte. Dass sehr wohl über das eigentliche Thema, nämlich die infame Unterstellung des ZPS gesprochen wurde, der deutsche Konservatismus wolle wie vor neunzig Jahren mit den Faschisten kooperieren, übersieht Ruch in seiner verfehlten Litanei. Das aber dürfte nicht der Grund sein, warum das ZPS nun darüber berät, die Stele abzubauen.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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