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Gedenkrede Martin Walser : Anprall der Wahrheit

  • -Aktualisiert am

Das letzte Buch Joachim Fests: Ich nicht Bild: Verlag

„Joachim Fest hat in seinen Büchern immer einen offenen, einen einladenden Ton gepflegt. Durch seinen Ton sagt er zum Leser: Was meinen Sie dazu, sagen Sie's ruhig.“ Martin Walser über den Buchautor Joachim Fest und seine Autobiographie „Ich nicht“.

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          Es war zu früh. Es ist nicht immer zu früh. Mit Jahreszahlen hat das nichts zu tun. Joachim Fest ist plötzlich gestorben. Daß einer stirbt, solang er noch am Leben ist, tut weithin weh. Auch wenn Joachim Fest dann kurze Zeit hinfällig war, es war zu früh. Im Mai sah er noch aus, wie er immer ausgesehen hat: auffallend gut. Kein Mensch hätte im Mai oder Juni sagen können: Im September stirbt der. Dann erscheint dieses Buch: „Ich nicht“. 367 lebensvolle, lebensnahe, lebenskluge Seiten. Ich hätte dieses Buch erst im Lauf der Zeit gelesen. Jetzt las ich es gleich. „Ich nicht“. Kann ein Erinnerungsbuch lebendiger daherkommen?

          Fest hat immer einen offenen, einen einladenden Ton gehabt. Durch seinen Ton sagt er zum Leser: Was meinen Sie dazu, sagen Sie's ruhig. Er teilte sich in allem immer selber mit, und aus dieser andauernd erlebbaren Subjektivität spürt man, daß man von ihm angesprochen wird. Ein Erzähler produziert Zuhörer. „Ich nicht“, dieses so lebendig daherkommende Buch, ist durchzogen und bestimmt von den feinsten Tugenden dieses Geschichtserzählers.

          Joachim Fest zitiert einmal, der Historiker Golo Mann habe sich als verhinderten Erzähler gesehen. Verhinderte Erzähler waren sie beide nicht. Große Erzähler waren sie. Eine Bedingung haben Historiker und Erzähler gemeinsam: die Perspektive. In seinem Erinnerungsbuch will Joachim Fest, daß wir erfahren, woher er hat, was er uns erzählt. Wenn er jetzt eine Art Begeisterung für einen früheren Deutschlehrer nicht ganz von sich abhalten kann, erfahren wir, dieser Ton nähre sich von Briefen, die er damals als Flak-Helfer der Mutter und dem Großvater geschrieben habe. Natürlich dem Großvater mütterlicherseits, ehedem Reisemarschall des Herzogs von Sagan, dessen Lieblingsautoren Balzac und Flaubert gewesen waren.

          „Im Zweifel für den Zweifel!“

          Jener Deutschlehrer Dr. Kiefer, der im Friedrichshafener Flak-Quartier vor die Klasse trat und „seinen Schlapphut aufs Pult“ warf und Literatur vorlebte, der hatte in einer Zeit der „verordneten Gläubigkeiten“ seinen uniformierten Schülern den Zweifel so empfohlen: „Im Zweifel für den Zweifel!“ Dafür war Joachim Fest empfänglich. So wurde er, was er ist. Selbst in „Gegenlicht“, einem von deutschen Lasten fast erlösten Prachtsbuch aus dem Jahr 1988, in dem er endlich seine eigene Italianità sprachlich auslebt, selbst da heißt es nach einer ausdrucksvollen Skizzierung römischer Vorstadtmisere: „Ich verwarf diese Notizen von unterwegs. Unlust, das Gesehene im einzelnen zu beschreiben. Vielleicht weil man damit unvermeidlich auf die Seite der Lakrimisten gerät.“ Er ist kein Lakrimist geworden, wohl aber ein Schriftsteller, der durch das, was er erlebt und gesehen hat, schwermütiger wurde, als ihm recht war. Er hat diese Grundstimmung, frei von empfehlender Färbung, einmal Skeptizismus genannt, hat aber betont, daß er sich verpflichtet fühle einer „daseinsdienlichen Tradition“, daß nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart das eigentliche Thema der Geschichte sei.

          Und jetzt dieses alles fundierende Buch mit dem nicht nur sprechenden, sondern fast schon schreienden Titel „Ich nicht“.

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