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Gedenkfeierlichkeiten : Ring-Monument

  • -Aktualisiert am

Frankreich zelebriert das Ende des Ersten Weltkriegs und eröffnet ein neues Denkmal. Zum Fest erschienen nur wenige Gäste.

          2 Min.

          Irgendwie fehlte diesmal das innere Feuer. Vor hundert Jahren hatte der Erste Weltkrieg begonnen, einmalige Gedenkfeierlichkeiten waren angekündigt worden, und im Sommer hatten sie auf vielversprechende Weise begonnen. Jetzt stand der Jahrestag des Waffenstillstands von 1918 an. Der 11.November ist einer der höchsten Feiertage in Frankreich, mit Gefühlen geladen. Er beschließt einen Reigen, der mit Allerheiligen und Allerseelen beginnt. Blätter fallen, Nebel kommen, die Winterzeit hat begonnen. Sarkozy hatte den 11.November zum Gedenktag für alle „Morts pour la France“, denen in jedem Dorf Denkmäler gewidmet sind, ausgeweitet. Sieben Soldaten fielen 2014 für das Vaterland.

          Auch seine Einladung an Angela Merkel fand nicht nur Zustimmung. Ihr gemeinsames Gedenken war so eindrücklich wie der Gang, Hand in Hand, von Kohl und Mitterrand über die Gräber von Verdun. Und Gaucks Besuch, zusammen mit François Hollande, in Oradour. Doch zum 11.November 2014 hat die Kanzlerin die Einladung des französischen Staatspräsidenten ausgeschlagen. Zwei Tage nach den Feiern zum Fall der Berliner Mauer verspürte sie keine Lust. Aus historischer Müdigkeit oder politischem Kalkül. Auch David Cameron sagte ab. Die Engländer sind beleidigt, weil die Franzosen allzu einseitig mit den Deutschen zelebrieren und sie bei einer früheren Veranstaltung übergangen wurden. Sie wollen in eigener Regie in Frankreich Zeremonien zum Zentenar der Schlacht an der Somme organisieren. François Hollande war jedenfalls ziemlich allein, als er das „Mémorial International de Notre-Dame-de-Lorette“ in der Nähe von Arras einweihte.

          Ein zwiespältiger Eindruck

          Der Architekt Philippe Prost hat es als monumentalen Ring aus Metall entworfen. Es steht auf einem Hügel, der Schauplatz grauenhafter Kämpfe war, gegenüber der größten Nekropole Frankreichs: 20000 Einzelgräber, 22000 unbekannte Opfer. 580000 Namen gefallener Soldaten aller Armeen wurden eingraviert. Man sprach von „postumer Brüderlichkeit“. Das Monument steht für ein Gedenken aus dem Geist der Vergangenheitsbewältigung des Zweiten Weltkriegs. Mit ihr tat sich Frankreich besonders schwer. Über den vorherigen Krieg herrschte Einmütigkeit. Doch auch dieser Konsens ist zerbrochen.

          Über dem Ring-Monument kreiste ein Flugzeug mit einer Banderole, auf der Hollande zum Rücktritt aufgefordert wurde. Buhrufe gab es auch anderswo. Zur inneren Befriedung hat dieser 11.November nichts beigetragen. Auch nichts zu einer neuen Sinnstiftung. Wie des zweihundertsten Jahrestags der Französischen Revolution 1989 wollte Frankreich des Ersten Weltkriegs gedenken. Doch seine Jahrestage fallen in eine Zeit, da die Frage der Nationen und ihrer Grenzen in West- wie Osteuropa wieder gefährlich geworden ist. Das Zelebrieren der Geschichte ist ein Spielzeug der Innen- und Weltpolitik. Noch bleiben vier Jahre im Umgang mit dem Großen Krieg. Das Denkmal wird seine Symbolkraft entfalten. Aber seine Einweihung, an der nur wenige europäische Minister teilnahmen, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Ein neues Zeitalter des Erinnerns hat begonnen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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