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Gedenken an die Pogromnacht : Die Herrschenden fühlten sich bedroht

  • -Aktualisiert am

Menschen gedenken am Denkmal der Alten Synagoge in Magdeburg der Opfer der Reichspogromnacht von 1938. Bild: dpa

Gegen die formelhafte Erstarrung des staatlichen Antifaschismus in der DDR: Wie die ostdeutsche Erinnerung an den 9. November 1938 zu einem jüdischen Neuanfang in Deutschland führte.

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          Am frühen Abend des 9. November 1989 zogen mehrere Tausend Menschen still, nur mit Kerzen in der Hand, durch die Leipziger Innenstadt. Während sich in Berlin ein weltpolitisches Großereignis anbahnte, waren sie dem Aufruf des Neuen Forums gefolgt. Drei Tage zuvor hatte ein Flugblatt bei der Montagsdemo die Runde gemacht: „Schweigemarsch zum 9. November! Anlässlich des 51. Jahrestages der faschistischen Pogromnacht und gegen Rechtsradikalismus in der DDR. Keine Rufe! Keine Plakate! Mit Kerzen!“

          Die Resonanz überraschte selbst die Organisatoren. Tausende kamen, obwohl die Sorgen um die ungewisse Zukunft auch in Leipzig allgegenwärtig waren. Selbst nachdem die ersten Gerüchte von der berühmten Berliner Pressekonferenz nach Leipzig drangen, gingen die Leute still weiter - und erst nach einer kurzen Ansprache am Gedenkstein für die zerstörte Synagoge nach Hause. Im Jubel über den Fall der Berliner Mauer am gleichen Abend geriet diese Szene in Vergessenheit. Doch verweist sie auf einen - ebenso weitgehend vergessenen - Zweig der deutschen Vergangenheitsbewältigung in der DDR. Für das jüdische Leben im vereinigten Deutschland spielte er aber eine entscheidende Rolle.

          Das Gedenken an die Pogromnacht 1938 stand schon damals stellvertretend für den Mord an den europäischen Juden insgesamt. Innerhalb der kirchennahen DDR-Opposition in Leipzig und anderswo beging man den 9. November seit Ende der siebziger Jahre mit Andachten und Friedensgebeten. Die Teilnehmer fragten auch, wie Schuld und Verantwortung der Deutschen für die Schoa in die Tradition der DDR eingingen. Eine Frage im Sinne von Zurechenbarkeit, wie sie sich nach offizieller Lesart des „ersten antifaschistischen Staates auf deutschem Boden“ gar nicht hätte stellen dürfen.

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          Nach einem solchen Friedensgebet zogen in Leipzig schon 1983 einige Dutzend Jugendliche aus der Nikolaikirche zum Gedenkstein für die Synagoge, wo sie Kerzen aufstellten und sofort von der Volkspolizei auseinandergetrieben wurden. Der interne Bericht vermerkte eine nicht genehmigte „Ansammlung von Personen mit brennenden Kerzen“ aus Anlass des „Gedenkens der Opfer der Niederbrennung der Synagoge“. Im Jahr darauf veranstaltete in Berlin der Friedens- und Umweltkreis der Pfarr- und Glaubenskirche eine Mahnwache an den Ruinen der damals noch nicht wiedererbauten Synagoge in der Oranienburger Straße. Damit wurde nicht nur der Opfer der Pogromnacht gedacht. Die Demonstranten wehrten sich auch gegen den einseitigen Umgang mit der Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands. Sie protestierten gegen das Verschweigen von Antisemitismus, gegen Rassismus in der DDR und schließlich gegen das feindselige Verhältnis zum Staat Israel. Umstellt von einem Großaufgebot der Volkspolizei und trotz massiver Einschüchterungsversuche seitens der Behörden konnte diese Mahnwache immerhin stattfinden.

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