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Gedenken an Alfred Herrhausen : Meinungsfreude ist zumutbar

Forderte den kommunikativen Gegenverkehr: Alfred Herrhausen Bild: Archiv

Zum zwanzigsten Jahrestag der Ermordung Alfred Herrhausens diskutiert die Deutsche Bank über ihre Verantwortung als globaler Finanzdienstleister. Allerdings wenig im Sinne ihres früheren Chefs und der Gesellschaft, die sich in seinem Namen gegründet hat.

          Wie soll man beschreiben, was sich Josef Ackermann unter einer „Gedenkminute“ vorstellt? Als Gedenkdekade, weil es bestenfalls zehn Sekunden waren, ehe er die Teilnehmer an der Frankfurter Veranstaltung der Deutschen Bank zum zwanzigsten Jahrestag der Ermordung Alfred Herrhausens wieder bat, Platz zu nehmen? Als Gedenkdezi als Zehntel einer Minute? Als Gedenkmoment? Oder einfach als unvermeidlichen Beleg dafür, dass Zeit für einen ordentlichen Banker notwendig Geld ist? Dann muss man Ackermann loben, denn er nahm sich nach der Gedenkatempause – ja, so mag es gehen – zum Auftakt noch anderthalb Stunden Zeit für den Rest der Veranstaltung, die sich mit der Verantwortung der Deutschen Bank als globaler Finanzdienstleister beschäftigte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Am 30. November 1989 ist Alfred Herrhausen in seinem Wohnort Bad Homburg auf der Fahrt ins Frankfurter Büro durch eine Bombe getötet worden; von den Tätern fehlt bis heute jede Spur (Alfred Herrhausen: Der ungesühnte Mord). Das heißt: jede verwertbare Spur, denn es gibt Bekennerschreiben, Zeugenaussagen, die Attentatsutensilien, aber eben auch die offenbar unvermeidlichen Fehlschläge, Irrtümer und Peinlichkeiten der deutschen Terrorfahndung, die man dieser Tage durch die neuen Entwicklungen im Mordfall Siegfried Buback wieder einmal vorgeführt bekommt. Wolfgang Nowak, Geschäftsführer der von der Bank nach dem Mord ins Leben gerufenen Alfred-Herrhausen-Gesellschaft, mahnte in seiner kurzen Würdigung des ermordeten Vorstandssprechers die Abgeordneten des Deutschen Bundestags, sich auch für das Recht der Angehörigen von Terroropfern auf Aufklärung einzusetzen. Das gehört sich im Sinne jenes Lieblingssatzes, den Herrhausen bei Ingeborg Bachman gefunden hatte und den nun Josef Ackermann zitierte: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar.“

          Übers rein Fiskalische hinaus

          Im Sinne dieses Mottos, das auch den Gedenkstein am Ort des Attentats von Bad Homburg schmückt, hätte die Veranstaltung in der Bank ablaufen können. Traudl Herrhausen, die Witwe des Ermordeten, hatte sich einen Abend gewünscht, der nicht zurück-, sondern in die Zukunft blicken sollte. Ackermann als jetziger Nachfolger Herrhausens auf dem Chefsessel der Deutschen Bank nahm die Herausforderung an und betonte die Pflicht seines Unternehmens, „ein guter Steuerbürger“ zu sein. Das durfte man indes eher als Spitze gegen die Konkurrenz, die sich kräftig aus dem Bankensicherungsfonds bedient hat, verstehen denn als Hommage an Herrhausen, der gleich zweimal im Rahmen seiner Stellungnahmen in den Geschäftsberichten der Deutschen Bank den Satz formuliert hatte: „Der Staat, das sind wir selbst.“ In dieser Formulierung steckt weitaus mehr Anspruch, weil sie übers rein Fiskalische hinausgeht.

          Doch Ackermann bezog sich immerhin auf Herrhausen, während dessen Name im Hauptprogrammpunkt des Abends, einer Gesprächsrunde von vier jungen Führungskräften der Deutschen Bank, nie genannt wurde, obwohl es um Kernfragen im Herrhausenschen Verständnis gehen sollte: Moral, Erfolg, Globalisierung, Offenheit. Aus Hongkong, London, Bombay und Berlin waren die Teilnehmer dazu angereist, und das Modell des von der Fernsehjournalistin Isabelle Körner moderierten Gesprächs erinnerte an jene Veranstaltungsreihe namens „DB Intern“, die Herrhausen als Vorstandssprecher 1989 ins Leben gerufen hatte.

          Damit wollte er sich seinerzeit jeweils der freien Diskussion mit sämtlichen Mitarbeitern eines Hauptfilialbezirks stellen. Das Debüt fand am 16. Mai 1989 in München statt und stand unter dem Motto „Die Deutsche Bank unterwegs in die Zukunft“. Doch ohne Wissen Herrhausens waren damals alle Fragen vorher abgesprochen und zuverlässigen Mitarbeitern zugeteilt worden, so dass keine unangenehmen Überraschungen zu erwarten waren. Als der Vorstandssprecher das im Nachhinein erfuhr, sagte er alle weiteren geplanten Veranstaltungen der Reihe ab.

          Kommunikativer Gegenverkehr

          Beim Frankfurter Abend zu seinem Gedenken las die junge Dame aus Hongkong ihre erste Stellungnahme vollständig vom Blatt ab. Das wirkte nicht spontan erfragt, und tatsächlich hatte die ganze Runde bereits am Vormittag einen Probedurchgang mit allen Fragen erlebt, der nach Meinung von dabei Anwesenden weitaus mutiger gewesen sein soll. Nun mag die Gegenwart des eigenen Vorstandsvorsitzenden in der ersten Reihe die Meinungsfreude von Führungsnachwuchs hemmen, aber just solche Bankgewohnheiten wollte Herrhausen herausfordern – er setzte auf „kommunikativen Gegenverkehr“, wie er es nannte. Dass man zwanzig Jahre nach seinem Tod just diese Bestrebung Herrhausens auf die gleiche Weise torpedierte, mit der sie schon damals so bitter enttäuscht worden war, spricht nicht für die bedachtsame Vorbereitung des Abends.

          Schön wäre es gewesen, hätte man der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft, die das Programm organisierte, es aber nicht bestimmen konnte, einen Platz eingeräumt, um ihre Arbeit vorzustellen. Als internationales Forum der Deutschen Bank kümmert sie sich vor allem um neue Formen des Regierens angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen im einundzwanzigsten Jahrhundert. Das ist ein Herrhausen-Thema. Einmal über dieses Engagement zu berichten, wäre ganz in seinem Sinne gewesen.

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