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Kommentar : „Heil Stalin!“

  • -Aktualisiert am

Alltag im Westen: Wodkaregal in einem Supermarkt in Frankfurt am Main Bild: Jan Brachmann

Als handele es sich um eine Harmlosigkeit, wird in Deutschland Alkohol zum Stalin-Gedenken verkauft. Wen wundert das, wenn sich sogar die vermeintlichen Intellektuellen des Musiklebens an Stalin-Huldigungen berauschen.

          Stalins Wein – „Wino Stalina“ – ist in Deutschland seit langem zu haben. Russische Kaufhallen in Berlin sind voll davon, importiert aus Georgien, mit Medaillon des Massenmörders auf dem Etikett. Es muss also genügend Käufer geben, die das geschmackvoll, gar schön oder lustig finden.

          Sergej Prokofjews Kantate „Alexander Newski“, kurz nach der Uraufführung des gleichnamigen sowjetischen Films von Sergej Eisenstein aus der Musik dazu hervorgegangen, ist zurzeit auch in Berlin zu hören: Tugan Sokhiev hat das Stück auf das Programm seiner Konzerte mit den Berliner Philharmonikern gesetzt. Eine Wiederholungstat, denn schon im März 2012, als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, galt Sokhievs Einsatz diesem Stück. Film und Kantate sind eng mit Stalins Politik gegenüber Deutschland und dem Baltikum verknüpft: Die volksverhetzende Verfratzung der Deutschen im Film war nach dem Ribbentrop-Molotow-Abkommen von 1939, als Hitler und Stalin plötzlich gemeinsame Sache gemacht und Osteuropa in Einflusssphären aufgeteilt hatten, nicht mehr opportun. Der Film wurde verboten, aber 1941, nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion, wieder zur Mobilmachung hervorgeholt.

          In dem Jahr kam auch Prokofjews Kantate heraus. Da hatten die Sowjets Estland längst besetzt und mit der Deportation und Ermordung der Eliten begonnen. „Alexander Newski“ war bereits der Name der russisch-orthodoxen Kathedrale, die Zar Nikolaus II. im Zuge seiner aggressiven Russifizierungspolitik 1900 in die lutherisch geprägte Altstadt von Tallinn hatte bauen lassen. Prokofjews Kantate schrieb also im Jahr 1941 nur ein altes Besatzerverhältnis fort. Wenn man einmal die Gedenkstätte für die Opfer kommunistischen Terrors in Tallinn besucht hat, jene schwarze Gasse mit den eingravierten Namen zigtausend Ermordeter, vergeht einem die Freude an der rein ästhetischen Betrachtung von Prokofjews Stalin-Huldigungen. Aber sie kommen im Westen mehr und mehr in Mode. Ob beim Kunstfest in Weimar, ob beim Beethovenfest in Bonn: Die brutalistische „Kantate zum zwanzigsten Jahrestag der Oktoberrevolution“ war 2017 überall laut dabei.

          Der Regisseur Barrie Kosky trat im September 2018 beim Schlussapplaus der Premiere der Oper „Die Gezeichneten“ von Franz Schreker, einem von den Nazis verfemten Komponisten jüdischer Herkunft, im Stalin-T-Shirt auf die Bühne. Er fand das offenbar geschmackvoll, gar schön oder lustig. Seine Empathie mit Opfern von Gewaltregimes ist sichtbar selektiv. Inzwischen kann man auch in hessischen Rewe-Märkten ganz regulär Wodka der Marke „Stalinskaya“ kaufen. Für das Catering beim nächsten Musikfest mit revolutionärer Gesinnung wäre also gesorgt. Vielleicht hat dann die frivole Sorglosigkeit im Westen den Stand erreicht, Prokofjews Opus 85 für Chor und Orchester aufs Programm zu setzen: „Trinkspruch (Heil Stalin)“.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

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