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Geburtstag von Lee Perry : Das Boot ist toll

Er ließ sein Hinterhofstudio in Flammen aufgehen

Dieses Moment der desorientierenden Verräumlichung von Takt, Rhythmus, Zeit überhaupt hat in der Popmusik eine Bedeutung, die in letzter Zeit auch das Aufstellen von Nostalgiefallen für die erinnerungswillige Laufkundschaft aufwendiger Historisierungs-Events plausibel und lukrativ macht: So, jetzt gehen wir alle mal im Kostümfundus von David Bowie spazieren, nennen das eine Ausstellung und fühlen uns so jung, wie wir nie waren.

Der Genius des Lee Perry sträubt sich gegen derlei. Er ließ schon Ende der siebziger (nach anderen Angaben: Anfang der achtziger) Jahre einen der bedeutendsten raumzeitlichen Realstützpunkte des Musikweltgeists im zwanzigsten Jahrhundert, sein berühmtes jamaikanisches Hinterhofstudio „Black Ark“, in Flammen aufgehen, weil er wusste, dass er es jederzeit aus der Musik selbst wieder aufbauen könnte – was dann um die Jahrtausendwende auch geschah, im Rahmen eines Musikfestivals in der Lobby der Londoner Royal Festival Hall, als begehbare Miniinstallation namens „Black Ark Study Centre“. Wieder rund zehn Jahre später verbrannte ihm dann sein Schweizer „Secret Laboratory“, nach dem aber ein schönes Album heißt, in dessen Wirkungen es so unbeschadet überleben wird wie das Produzentenmodell „Lee Perry“ in den tausend Permutationen von Hiphop bis Dingsbums, Bomb Squad bis Tricky seit Perrys ersten Frechheiten vor mehr als einem halben Jahrhundert.

Verbindung zwischen Alltag und Weltseele

Man könnte sagen: Der Mann öffnet überall, wo er hinkommt, klangmodale Hot Spots, an denen sich die Verbindung zwischen dem engen Alltag und der unermesslichen Weltseele, die er repräsentiert, für Hörerinnen und Hörer, Betrachterinnen und Betrachter herstellen lässt, von der Kunstschau (seine erste im engeren Kunstkontext eingerichtete Präsentation von Malerei, Videoarbeit und unbestimmbarem Zeug fand 2010 in Los Angeles statt) über kryptische, manchmal auch beknackte Interview-Äußerungen bis hin zu Myriaden Datenträgern zwischen Vinyl und Serverkerben in irgendwelchen atombombensicheren Kellern, wo sich seine Musik abrufen lässt, deren Rang und Reichweite man gar nicht überschätzen kann.

Von seinen frühesten prismatischen Anordnungsleistungen akustischer Schnipsel, Fitzelchen, Krümel und Kraftfelder an bettete er die nachkoloniale Musik von Menschen, deren Befreiung aus der Sklaverei nur juristisch, aber weder ökonomisch noch politisch vollzogen war, und die sich gegen dieses Elend mit selbstorganisierten Gemeinschaftsformen und synkretistischem Glauben zur Wehr setzten, in einen verblüffenden Reichtum seliger Vibrationen und Schwebungen.

Dabei nutzte Perry Maschinen für Aufnahme, Mischung und Wiedergabe von Sound als Instrumente des nicht Vorgesehenen: Man kann Stimmen rückwärts über ein dabei unverzagt voranstrebendes Stück legen, man kann sich mit der musizierenden Konkurrenz die herrlichsten Hahnenkämpfe in voller Klangfarbenpracht liefern, man kann mit Leuten zusammenarbeiten (etwa mit Bob Marley) oder sie entdecken (etwa die Sängerin Susan Cadogan), und das alles nicht nur in der Absicht, dem eigenen ultrawachen Verstand Zerstreuung zu verschaffen, sondern außerdem zu einem anderen, ungeheuerlichen Zweck, den Perry tatsächlich erreichen durfte, nachdem er ihn selbst so beschrieben hatte: „Ich wollte eine andere Musik, bin also zurück zur Kirche gegangen und habe der Energie und der Schwingung des Feuers zugehört und wie die Leute riefen. Das war was anderes als diese Dancehall-Geschichten. Es war, als wollten sie fliegen.“ Er hat ihnen beigebracht, wie das geht, mit seiner schwarzen Arche, einem Wolkenschiff. Am Sonntag wird Lee Perry achtzig Jahre alt.

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