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Geburtstag der Wimmelbuch-Schöpferin : Mit spitzem Buntstift lässt sich gut fechten

Und es ward Nacht: mit einem neuen Wimmelbuch hat sich Rotraut Susanne Berner selbst beschenkt Bild: dpa

Klare Konturen, prächtige Farben und die Bereitschaft, sich über Ungerechtigkeiten aufzuregen: Rotraut Susanne Berner, die Schöpferin der Wimmelbücher, wird sechzig. In dem neuesten Band zeigt sie „Nachtbilder aus Kinderbüchern“.

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          Ein kleiner Triumph, ein nettes Aperçu: Wer Rotraut Susanne Berners Wimmelbücher im Juli vergangenen Jahres erstaunlicherweise immer noch nicht kannte, wurde vielleicht durch eine Pressemeldung auf die Bände aufmerksam. Sie besagte, dass eines dieser Bücher für den amerikanischen Markt in einem Detail verändert werden sollte.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Eine darin abgebildete, winzige Skulptur zeigte einen kleinen Jungen mit nacktem Penis und erregte tatsächlich Anstoß. Die Sache ist längst ausgestanden, Berners weltweit so immens erfolgreiche Wimmelbücher - sie zeigen Szenen aus einer fiktiven Stadt mit weitgehend identischem Personal, dessen Geschicke durch die vier Jahreszeiten verfolgt werden - erschienen dann eben in einem anderen amerikanischen Verlag.

          Der nackte Junge in der Nachtküche

          Doch in dem neuesten Band der Wimmelbücher, der in Ermangelung einer noch nicht verbrauchten Jahreszeit in der Nacht spielt, gibt es wieder die übliche Ausstellung im Kulturzentrum. Sie zeigt „Nachtbilder aus Kinderbüchern“, und Berner versammelt dort neben Bildern aus Axel Schefflers „Grüffelo-Kind“, neben Heidelbach und Buchholz auch zwei Bilder von Maurice Sendak. Eines von ihnen stammt aus der legendären „Nachtküche“ von 1970 - und zeigt einen splitternackten Knaben von vorne.

          Die Jahreszeiten ...
          Die Jahreszeiten ... : Bild: Gerstenberg

          Das Beispiel zeigt zwei Facetten, die aus Berners Welt nicht wegzudenken sind: Zum einen die Bereitschaft, sich über Dinge zu erregen, die sie ungerecht findet - sie streitet, unter anderem, für eine gerechte Entlohnung der Illustratoren, für eine Bilderbuchkritik, die den Namen verdient, und eben gegen vorauseilenden Gehorsam gegenüber einer vermuteten öffentlichen Meinung. Zum anderen aber zeigt diese Replik, welchen Witz, welche Leichtigkeit Berners Zeichenstift besitzt. Gerade, wenn es ihr um das Entscheidende geht.

          Ohne ein Wort Geschichten erzählen

          Berner, 1948 in Stuttgart geboren, freischaffende Buchkünstlerin seit 1977, gehört heute zu den höchstdekorierten und beliebtesten Illustratoren. Spätestens seit ihren Wimmelbüchern, die ohne ein einziges Wort komplexe Geschichten erzählen, wird man sie, was die konzeptionelle Arbeit angeht, auch denjenigen Romanautoren an die Seite stellen, die wie Balzac oder Gutzkow eine Vielzahl von Handlungssträngen und Figurenkonstellationen im Auge behalten, um sie auf das effizienteste und widerspruchsärmste miteinander zu verweben.

          Auf einen Zeichenstil wird man sie dabei nicht reduzieren können, wenigstens dann nicht, wenn man ihr Gesamtwerk ins Auge fasst. Dass sie klare Konturen und prächtige Farben liebt, teilt sich allerdings mit, aber auch, dass sie etwa in ihren Buchgestaltungen den Kommentar zum Werk des jeweiligen Autors vor der platten Umsetzung des Vorgefundenen bevorzugt.

          Man wünscht ihr fröhliche Gäste und erstaunliche Geschenke

          Und was sind das für Einfälle! Als sie 1994 für Andreas Mands Roman „Das rote Schiff“ einen Umschlag schuf, ließ sie darauf einen Marienkäfer mit Menschenkopf, endlos langen Beinen und Armen erscheinen, der auf dem Rücken liegt und ersichtlich nicht mehr weiterweiß. Das trifft das Buch und dessen Helden nicht schlecht, vor allem aber deutet es eine Szene aus, in der dieser ratlose Held einige Marienkäfer aus dem Schwimmbadwasser rettet, deren Schicksal sich nun, durch Berner, mit seinem eigenen überblendet.

          An diesem Dienstag feiert Rotraut Susanne Berner ihren sechzigsten Geburtstag. Man wünscht ihr so fröhliche Gäste und erstaunliche Geschenke wie jener besonders liebenswerten Figur aus dem Wimmelkosmos namens Susanne, die ständig ihre Hüte einbüßt und dann eben einfach einen neuen aufzieht. Keiner ist darunter, der nicht gefällt.

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