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Geburtskirche ist Weltkulturerbe : Als Faustpfand ungeeignet

  • -Aktualisiert am

Jahrtausende neigen sich auf euch herab: ein Seitenschiff der Geburtskirche in Bethlehem Bild: REUTERS

Kitschig, aber kostbar: Die Geburtskirche von Bethlehem ist Weltkulturerbe. Ob der neue Status das Gebäude wirklich schützt? Seine jüngste Geschichte bietet kaum Anlass zu Hoffnung.

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          Wer die Geburtskirche in Bethlehem besucht, braucht innere Stärke. Denn kaum hat man sie betreten, gilt es, einem brodelnden Dickicht aus Sinneseindrücken standzuhalten. Der Schock, den draußen die uralten, meterdicken Mauern, die wirren Fenster, Luken und Schießscharten bereiten, die das eigentliche Gotteshaus bis zur Unkenntlichkeit umklammern, ist dafür nur ein laues Vorspiel.

          Im Narthex, der Vorhalle, vermodern schön geformte antike Kapitelle und Friese. Die rötlichen Säulen des Langhauses, zwei Jahrtausende lang betastet und befingert, haben wellige Konturen wie aus Knet angenommen. Auf den Langhauswänden über ihnen sind im staubigen Verputz unregelmäßig Vierecke ausgespart - von Alters- und Schmutzschlieren überzogene Mosaike, über die Kunstführer sagen, sie zeigten Konzile und Heilige. Im Fußboden bedecken hier und da morsche Bohlen schmale Öffnungen. Legen Wächter sie beiseite, werden Reste prächtiger Bodenmosaike sichtbar. Die Trittplatten, von Millionen Fußsohlen, Knien, Handflächen und Lippen wieder und wieder gestreift, glänzen speckig. In ihnen, wie in den Säulen, vor allem aber im Zierrat der modrig riechenden „Geburtsgrotte“ tief unten im Chor der Kirche, müssen Tonnen von Hautfett, Wachs und Salböl versickert sein.

          Gute Gründe für die Ernennung

          Erst am weltbekannten vierzehnzackigen (nach den vierzehn Geschlechtern im Stammbaum Jesu) Silberstern des Fußbodens erkennt man die Grotte. Alles übrige verschwimmt in einem Meer aus mal mehr, mal weniger zerschlissenem Brokat und Seide, Schnörkeln, Bordüren, Litzen und Schabracken, Bildern, Altären, Ampeln, Kerzen und Glühbirnen. Wäre hier nicht einer der heiligsten Orte der Christenheit, man würde offen von einer Kitschorgie sprechen.

          Mit einem Stern als Erkennungsmerkmal: am Weihnachtstag 2006 kniet ein griechisch-orthodoxer Priester vor der verehrten Grotte

          Ein bauliches Kleinod der Antike und des Mittelalters, verpuppt in Kokons unwürdiger Vernachlässigung und frommer Stillosigkeiten - seit zwei Tagen traut man sich noch weniger, dies offen auszusprechen, denn am vergangenen Freitagnachmittag hat die Unesco auf ihrer Jahresversammlung in St. Petersburg die Geburtskirche zum Weltkulturerbe ernannt. Dafür gibt es, unerachtet aller beschriebenen Missstände, gute Gründe: Der Bau, 335 nach Christus von Kaiser Konstantin dem Großen und seiner Mutter Helena gestiftet, ist neben der Grabeskirche in Jerusalem das einzige christliche Gotteshaus der Antike, das im Heiligen Land zumindest in Teilen erhalten ist.

          Errichtet über einer Grotte, die nachweislich schon wenige Jahrzehnte nach Christi Tod verehrt und nach einem Brand oder Erdbeben 450 nach Christus wieder aufgebaut und vergrößert wurde, überstand die Geburtskirche den Perser-Sturm im Jahr 614, wurde seit 1161 von den Kreuzfahrern restauriert, blieb bei den Eroberungszügen der Mamelucken intakt und wurde unter der türkischen Herrschaft zwar ihrer Marmorausstattung beraubt, aber nicht beseitigt.

          Fünf Jahrezehnte Stillstand

          Im Jahr 1670 gestattete es die Hohe Pforte der griechisch-orthodoxen Kirche, das extrem verfallene Bauwerk zu renovieren; 1757, nach ewigem Streit der verschiedenen Konfessionen um die Kirche, teilte sie die Zuständigkeiten zwischen griechisch und armenisch Orthodoxen und Katholiken. Im neunzehnten Jahrhundert erfolgten mehrere historisierende, oft das Erscheinungsbild verfälschende Restaurierungen; 1927, nach schweren Erdbebenschäden, ließ die damalige britische Mandatsverwaltung Instandsetzungen und Ausgrabungen durchführen.

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