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Geburt eines Symbols : Der Bleistift

Titelseite des New Yorker Bild: The New Yorker

Der Bleistift ist innerhalb kürzester Zeit zum Statement gegen den Terror geworden. Das Magazin New Yorker hat ihn auf seinem neuen Cover aufgegriffen. Ein überzeugender Wurf?

          Schon sein Name suggeriert Gewicht: der Bleistift. Aber wie zerbrechlich ist dieses Werkzeug! Deshalb taugt es wie kein zweites Symbol zum Sinnbild all jener, die seit dem 7. Januar unter dem Schock der Morde in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ stehen, aber nicht ein Leben unter dem Diktat von Terrorismus und religiösem Fanatismus führen wollen. Kaum eine der zahllosen „Je suis Charlie“-Seiten weltweit, die nicht auch den wie eine Waffe geschwungenen Bleistift zeigte, der als Handwerkszeug ein Anachronismus in einer Welt ist, in der die meisten Karikaturisten längst am Computer zeichnen.

          Doch wenn die Karikaturistin Ann Telnaes von der „Washington Post“ als Antwort auf die Morde von Paris sich selbst als Stellvertreterin ihres Genres in der Haltung der Freiheitsstatue zeichnet, dann reckt sie statt der brennenden Fackel den gespitzten Bleistift in die Höhe. Das traditionell mit dem Zeichnen verbundene Arbeitsutensil war wohl als Bildmetapher zu offensichtlich, um nicht vielfach variiert aufgenommen zu werden - auch vom prominentesten Forum für Cartoons weltweit, der amerikanischen Zeitschrift „The New Yorker“. Seine Ausgabe nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ist legendär, weil Art Spiegelman für den Umschlag ein scheinbar rein schwarzes Bild zeichnete, auf dem aber in einem etwas matteren Schwarz die Türme des eingestürzten World Trade Center zu erkennen waren. Und als Hinweis für eilige Betrachter zog Spiegelman die Antenne des Nordturms als dünne schwarze Linie durch den Titelschriftzug. Keine andere Presse-Illustration des 21. Jahrhunderts ist so berühmt geworden wie diese.

          Kein Klassiker der Zukunft

          Die schon damals waltende Titelbildredakteurin der Zeitschrift, Françoise Mouly, stand also am 7. Januar nach Bekanntwerden der Ereignisse von Paris vor einer schweren Herausforderung: Wie würde die nächste Ausgabe des Magazins aussehen? Aus dem illustren Kreis der regelmäßigen Titelbildillustratoren des Blatts ist zu hören, dass Mouly sofort alle um Ideen bat. Die naheliegende, einfach ihren Mann, nämlich Art Spiegelman, zu fragen, verbot sich, weil der auf Nachfrage dieser Zeitung erklärte, dazu nichts auf die Schnelle zeichnen zu wollen. Spiegelman weiß, dass ein Erfolg verpflichtet, bisweilen auch zur Zurückhaltung.

          Die Lösung, die der „New Yorker“ nun gefunden hat, ist denn auch keine originelle: Die spanische Zeichnerin Ana Juan, Coverzeichnerin für die Zeitschrift seit 1995, hat den Eiffelturm ins Bild gesetzt und seine Spitze durch einen Bleistift mit blutroter Mine ersetzt. Wo Spiegelman das Verschwinden der Türme graphisch visualisierte, symbolisiert Ana Juans Zeichnung die Beharrungskraft Frankreichs und der Karikatur zugleich. Als zusätzliche Hommage an das große Vorbild Spiegelman ragt auch dieser Turm in den Titelschriftzug hinein - ein sonst unzulässiges Phänomen, weil die Zeichnung dem Namen untergeordnet bleiben soll, und somit auch das ein Ehrenerweis an die existentiell bedrohte Kunstform. Doch dass sich der „New Yorker“ in diese historische Reminiszenz flüchtet, passt zur Scheu der amerikanischen Publizistik vor drastischen Stellungnahmen. Dieses Cover ist kein Klassiker der Zukunft, sondern zitiert einen der Vergangenheit. Dass man hier auf Originalität aus zweiter Hand vertraut hat, zeigt sich auch daran, dass das Titelbild von der Redaktion schon Tage vor der eigentlichen Publikation gestreut wurde. Vom Überraschungseffekt einer Cover-Illustration verspricht sich der „New Yorker“ offensichtlich nichts mehr. Noch ein Sargnagel für das Genre. Bleierne Zeit für die Bleistifte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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