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Geburt als Event : „Wir singen Ihr Baby aus dem Bauch“

Geburt als Event: „Jeder kann Geburt, meine Damen und Herren, jeder kann Geburt!“ Bild: dapd

Geboren wird jeder – da gibt es eigentlich nicht viel zu reden. Neuerdings aber wird werdenden Eltern das Blaue vom Himmel versprochen: Geburt als Event. Das ist unverantwortlich.

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          Die Werbeveranstaltung zum Thema Geburt dauert bereits zwei Stunden, da krümmt sich Professor Dr. med. Dr. h.c. Frank Louwen plötzlich mit schmerzverzerrtem Gesicht, als hätte ihm jemand in die Magengrube getreten, und sinkt auf die Knie. „Jetzt wird es akrobatisch, ich kriege Ihr Kind!“, ruft er seinem Frankfurter Hörsaalpublikum zu. Etwa zweihundert junge Menschen verfolgen den Auftritt, die meisten von ihnen Paare, vielen Frauen sieht man ihre Schwangerschaft bereits an. „Ein Ziehen im Po, ein Ziehen in den Leisten!“ Das Publikum lacht. Frank Louwen steht auf, er reibt sich, leicht verschwitzt, die Hände und atmet durch. Sein Blick gleitet über die Reihen. Er scheint zufrieden.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Frank Louwen leitet die Geburtshilfe und Pränatalmedizin der Frankfurter Universitätsklinik. Damit möglichst viele Kinder in Zeiten, da nur noch wenige geboren werden und die Konkurrenz unter den Kliniken groß ist, bei ihm auf die Welt kommen, veranstaltet er jeden zweiten Montag im Monat einen Informationsabend. „Frank-Louwen-Abend“ träfe die Sache besser.

          Das rhetorische Repertoire des Mediziners besteht aus einer Handvoll Lieblingssätzen: „Jeder kann Geburt, meine Damen und Herren, jeder kann Geburt!“, lautet einer. „Ich erzähle Ihnen heute Abend die komplette Geschichte Ihrer Geburt!“, ein anderer. Am Ende werde „jeder, tatsächlich jeder“ im Saal ganz genau wissen, wie sein Kind zur Welt kommen wird, verspricht Louwen. Dafür, dass die Geburt schnell, unkompliziert und ohne größere Schmerzen vor sich gehe, könne man eine ganze Menge tun, man müsse nur auf ihn, Frank Louwen, hören, sagt er und geht im Hörsaal auf und ab.

          „Die Geburt wird das grandioseste Erlebnis Ihres Lebens!“


          Man kann davon ausgehen, dass die meisten Zuhörerinnen sich vor der Geburt ängstigen, was Louwen nicht von deren Verherrlichung abhält. Über seine Qualifikation als Arzt sagt das selbstverständlich noch nichts aus. Zur Stützung seines Ideologiegebäudes zieht er gern den „lieben Gott“ heran, wobei seine Stimme meistens einen Tick zu laut tönt: „Der liebe Gott hat nie gesagt, dass wir unter Schmerzen gebären sollen.“ Er war es auch nicht, der den Kaiserschnitt erfand. „Der liebe Gott hat sich bei der natürlichen Geburt schon was gedacht.“

          Es werde ihm ja immer nachgesagt, er habe etwas gegen Kaiserschnitte, aber das sei absoluter Blödsinn. „So ein Kaiserschnitt ist ja eine ganz banale Sache, ich brauche dafür zwölf Minuten.“ Trotzdem wirke sich, das belegten zahllose Studien, die natürliche Geburt auf das Neugeborene sehr viel positiver aus. Sie reduziere die Anpassungsschwierigkeiten auf ein Minimum. Vor allem steht für Frank Louwen jedoch eins fest: „Die Geburt Ihres Kindes wird das grandioseste Erlebnis Ihres Lebens!“

          Aber was, wenn nicht? Es kann einem schon so vorkommen, als fokussierten sich der Planungsenthusiasmus und Optimierungswille vieler Angehöriger der gebildeten Mittelschicht auf zwei Großereignisse: die Hochzeit, mit deren akribischer Vorbereitung manche Paare bereits ein Jahr vor dem tatsächlichen Termin beginnen, und die Geburt eines Kindes. Beides unvergessliche, mit Glückszwängen aufgeladene Lebensmomente, beides wichtige Projekte, deren Verwirklichung perfekt über die Bühne gehen muss, ganz so, als läge das Gelingen tatsächlich in der Informationsanhäufung und fehlerfreien Vorbereitung – also in den eigenen Händen. Begriffe wie „Schicksal“ sind dabei fehl am Platz.

          Event mit Tabellen, Kameraeinstellungen und traumatisierten Vätern


          Zu einer Bilderbuchgeburt gehört längst, dass der Mann dabei ist. Im Grunde ist das ein ungeschriebenes Gesetz, das sich, nachdem das Gebären ja jahrtausendelang ausschließlich Frauensache war, erstaunlich schnell durchgesetzt hat. Von Männern wird deshalb oft erwartet, dass sie die Hand ihrer Frau halten, Fotos machen, ein Video drehen und Entspanntheit ausstrahlen.

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