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Gazprom in Deutschland : Die Russen kommen nicht, sie sind schon da

Die Bahn geht, Gazprom kommt? Der Bahn-Tower am Potsdamer Platz. Bild: ddp

Der russische Energiekonzern Gazprom breitet sich in Deutschland aus und sucht dafür eine standesgemäße Repräsentanz. Vor allem der Potsdamer Platz in Berlin liegt im Blickfeld des Unternehmens. Es wäre wie die Errichtung einer zweiten russischen Botschaft.

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          Wer vor ein paar Jahren an der Berliner Humboldt-Universität Germanistik studierte, ging bei Gazprom ein und aus: Die Kantine des russischen Energiekonzerns lag nämlich im selben Gebäudekomplex im Bezirk Mitte, ein kleiner Raum mit einer Theke und Fotografien von Bohrinseln an der Wand. Die Bedienung soll freundlich gewesen sein, die Gulaschsuppe auch, ihr Preis gut und das Publikum eine Mischung aus russischen Angestellten des Hauses, biznizmeny und Thomas- Bernhard-Experten.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Vorbei die Tage. Die Germanisten sind inzwischen in der Dorotheenstraße hinter dem Hauptgebäude der Universität untergekommen, und jetzt wird bekannt, dass auch Gazprom über kurz oder lang einen Umzug plant: weg aus der Markgrafenstraßen im Süden des Boulevards Unter den Linden, wo das Unternehmen und seine Kantine seit 1995 residierten, und angeblich mitten hinein ins Zentrum des wieder aufgebauten Berlin - an den Potsdamer Platz, in den gläsernen Bahn-Tower im Sony-Center. Der wird bislang noch so genannt, auch wenn die Deutsche Bahn AG mit ihren achthundert Mitarbeitern ihrerseits im kommenden Jahr ausziehen wird, in den ebenfalls gläsernen Neubau am Hauptbahnhof.

          Eine Art zweite russische Botschaft

          Gazprom Germania hat die Umzugspläne in den Turm zwar dementiert: „Der Bahn-Tower am Potsdamer Platz“, verkündet der Konzernsprecher Burkhard Woelki, „ist für uns nicht von Interesse.“ Zugleich aber räumt Woelki ein, was längst nicht mehr zu übersehen ist: dass Gazprom groß und größer wird und sich Platz schaffen will. Und gerade am Potsdamer Platz, nahe dem Regierungsviertel, würde eine Filiale des Energieunternehmens wie eine zweite russische Botschaft wirken.

          Schon allein die Zahlen der deutschen Gruppe, zu der insgesamt dreißig Unternehmen gehören, steigen rasant: In den ersten drei Quartalen 2007 lag der Umsatz bei 4,85 Milliarden Euro. „Um zukünftig den wachsenden Geschäftsaktivitäten und dem damit verbundenen Personalwachstum Rechnung zu tragen“, erklärt der Konzernsprecher, suche man „mittelfristig“ nach neuen Büros in Berlin. Dort ist die deutsche Tochter des früheren russischen Staatsunternehmens mit hundertzwanzig Mitarbeitern vertreten.

          Größtes unterirdisches Gaslager Europas

          Von der Hauptstadt aus lenkt das Energieunternehmen seine Geschäfte in Westeuropa: In Lubmin bei Greifswald errichtet Gazprom bis 2011 gemeinsam mit Eon eines von zwei in Deutschland geplanten Gaswerken, und ebenfalls in Mecklenburg-Vorpommern entsteht bis 2009 das nach eigenen Angaben „größte unterirdische Erdgaslager Europas“. All diese Projekte gehen Hand in Hand mit dem Bau einer Ostsee-Pipeline, die Gazprom gemeinsam mit den Energieunternehmen Eon, BASF und Gasunie vom russischen Wyborg nach Lubmin verlegt. Auch von einer neuen Pipeline durch Südeuropa spricht Gazprom - und Brüsseler Spitzenbeamte mittlerweile von „Einkesselung“. Eben hat die halbstaatliche russische Investmentfirma FLC West die Großwerften von Wismar und Warnemünde übernommen, jetzt kommen die Aufträge wieder aus Moskau, wie früher.

          Das Sony-Center am Potsdamer Platz, mit seinem Zeltdach und dem von Helmut Jahn entworfenen Turm mehr eine Touristenattraktion als ein authentischer Teil Berliner Stadtlebens, war im Februar an die amerikanische Investmentfirma Morgan Stanley verkauft worden. Wie die „Welt“ berichtet, sollen die Gespräche zwischen dem neuen Eigentümer und Gazprom weitergehen, trotz des Dementis. Vielleicht ist da aber nur der Wunsch Vater des Gedankens. Immobilien wie der Bahn-Tower sind in Berlin nicht leicht zu vermieten.

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