https://www.faz.net/-gqz-6xv0b

Gauck unter Druck : Der Held im Minenfeld

Designierter Präsident Gauck: Seine größte Gefahr ist nun ein unbedachtes Wort, geäußert im guten Glauben, auf alles selbst die beste Antwort zu kennen Bild: dpa

Kaum nominiert, schon beginnen die Fragen: Joachim Gaucks langer Weg in die Bundesversammlung ist überschattet von der Gefahr, durch eine unbedachte Äußerung den ewigen Zweiflern Argumente zu liefern.

          3 Min.

          Niemand in der deutschen Politik ist derzeit unangreifbarer als Joachim Gauck. Im Jahr 2010 wollten ihn die Mehrheit der Bevölkerung und etwa vierzig Prozent der Bundesversammlung zum Bundespräsidenten. Heute haben sich, von der „Linken“ abgesehen, alle im Bundestag vertretenen Parteien auf ihn geeinigt. Tritt er an, wird es nicht mehr als einen Wahlgang geben. Seine Umfragewerte, was die Zustimmung im Volk angeht, sind prächtig. Als dritter Bundespräsident binnen zwei Jahren darf er sich als derjenige erwartet fühlen, der bleiben wird und all die Peinlichkeiten, taktischen Winkelzüge, Versorgungs- und Tauschgeschäfte auf der Hinterbühne der Demokratie vergessen machen kann. Sein Weg nach Bellevue ist mit Vorschusslorbeeren bedeckt. Er kann aber, so scheint es, selbst an den angeblich hohen Erwartungen nicht scheitern, denn sie sind gar nicht hoch: Schon ganz normales, bürgerliches Verhalten würde sie einlösen.

          Gerade in diesem Eindruck, dass es für ihn keine Gefahren gibt, liegt die größte. Der Seiteneinsteiger ist eine Wunschfigur der Politik. Mangels Parteikarriere noch nicht zynisch geworden, verkörpert er den Wunsch nach Bürgernähe. Ohne Rückerstattungspflichten gegenüber Gönnern und erfreulich schlecht „vernetzt“, erscheint er als Symbol politischer Unabhängigkeit. Zudem ist er eines der Sachlichkeit, die ihm zugeschrieben wird, weil er sich in etwas anderem noch als Politik auskennt. Und schließlich gilt der Seiteneinsteiger als einer, der es nicht nötig hat, dem mithin ehrbare Motive unterstellt werden dürfen.

          Joachim Gauck übernimmt zwar kein Ressort. Er muss also nicht wie einst Jost Stollmann im Schattenkabinett Gerhard Schröder oder Paul Kirchhof in demjenigen Angela Merkels, irgendeine Art von Fachkenntnis aufweisen. Doch das Amt, in das er gewählt werden soll, hat seine eigene Spezialaufgabe: Er wird zuständig fürs Allgemeine.

          Kaum ist er nominiert, wird gebohrt

          Als Paul Kirchhof damals dem politischen Gegner, aber auch vielen der eigenen Leute unlieb war, konnten sie getrost darauf setzen, dass er sich hierin, im Allgemeinen, nicht gut auskannte. Im medialen Allgemeinen nämlich. Sie mussten ihn nur reden lassen, ihm möglichst viele Auftritte vor Mikrofonen und Kameras wünschen sowie möglichst viele Interviews mit Journalisten und Gespräche mit Bürgern. Er würde schon etwas Unzureichendes, Interpretierbares, Missverständliches, Abweichendes sagen. Das tat er dann auch und wurde die Einreden dagegen nicht mehr los.

          Joachim Gauck ist erfahren im Umgang mit Mikrofonen. Doch kaum ist er nominiert, schon geht es los. Was hat er über „Occupy“ gesagt, was über Sarrazin? Die Grünen streiten bereits darüber. Und so wird es weitergehen. Man wird ihn fragen, wie viele Gesetze zur Griechenland- oder Euro-Rettung er wird unterschreiben mögen und wie er die bisherigen fand, wie er zu den Banken steht, was er über den Wohlfahrtsstaat denkt, was zum Islam, was zur Energiepolitik und was zum Weltklima.

          So weit, so normal, mag man die Achseln zucken. Der Bundespräsident ist zur Bekräftigung von Werten da, niemand lehnt Werte ab, er darf eben nur nicht zu konkret werden und keinen Wert vergessen. Außerdem ist Gauck ja schon so gut wie gewählt, das setzt dem Vergleich mit Kirchhof enge Grenzen.

          Ein abgekochter Berater ist vonnöten

          Doch für Joachim Gauck ist die Lage etwas schwieriger. Denn viele von denen, die ihn wählen werden, wollten ihn nicht und geben das auch ganz hemmungslos zu Protokoll. Sie drohen der FDP, die ihn - mittels Mediendrucks, „Durchstecherei“, Kompromisslosigkeit und Ultimaten, also mittels Techniken, die der Kanzlerin und ihrer CDU völlig fremd sind - durchgesetzt hat, offen damit, ihr demnächst dafür etwas anderes wegzunehmen. Man sehe sich, bellt man jetzt Leute an, die man täglich sieht, im Leben immer zweimal. Sie scheuen sich also nicht, den Bürgern das Schauspiel „Politik im Kinderzimmer“ aufzuführen, so sehr wurmt es sie. Und einen Bundespräsidenten, der ihr die Schau stiehlt, gar unangreifbar genug ist, um abweichende Reden zu halten, kann Angela Merkel nach allem, was man weiß, auch nicht gut vertragen.

          Mithin ist es wahrscheinlich, dass schon jetzt auf eine Schwäche Joachim Gaucks gewartet wird. Auf ein unbedachtes Wort, einen irrtümlichen Satz des Nichtjuristen, eine politisierbare Festlegung, die den Krokodilsseufzer erlaubt: „Na ja, so doll ist der ja nun auch nicht, haben wir es nicht gesagt.“ Joachim Gauck muss jedenfalls damit rechnen, man verzeihe das Bild, dass unter den Vorschusslorbeeren ein Minenfeld liegt, in das ihn manche, die ihm jetzt die Hand schütteln, ganz kalt hineinlaufen lassen würden. Was er darum jetzt dringend brauchte, ist etwas, was er erst im Amt bekommt: einen abgekochten Beamten, der diese Spiele alle kennt und dessen Misstrauen ihn, Gauck, vor der Illusion schützt, auf alles selbst die beste Antwort zu kennen. Denn die beste Antwort außerhalb und gegenüber der Politik ist nicht die beste Antwort in der Politik. Das Amt des Bundespräsidenten, heißt es, steht über den Parteien. Doch nach dieser Vorgeschichte ist das nur eine Wunschvorstellung.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Topmeldungen

          Einst war beim Arbeits- und Gesundheitschutz das technisch Machbare die Richtschnur. Nun definiert das arbeitsmedizinisch Unbedenkliche den Maßstab – notfalls auch um den Preis, dass manche Arbeiten unterbleiben müssen.

          F.A.Z. exklusiv : Der Straßenbau droht gestoppt zu werden

          Ein Grenzwert soll in Zukunft verhindern, dass Arbeiter zu viele Asphaltdämpfe einatmen. Nun fürchtet die Branche, komplett lahmgelegt zu werden. In einem Brandbrief bittet man um eine Übergangszeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.