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Gauck über Deutschkenntnisse : Nicht hinnehmbar

Welche Sanktionen sollen greifen: Ausbürgerung - oder Zwangseinweisung in ein Goethe-Institut? Bild: Franz Bischof

Joachim Gauck findet drastische Worte für die mangelnden Sprachkenntnisse von Menschen, die seit langem in Deutschland leben. Er fordert Entschiedenheit. Die geht auf Kosten der Toleranz.

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          Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hat der „Bild“-Zeitung ein Interview gegeben, für ein Extrablatt zum Thema „Heimat“, von dem 40 Millionen Exemplare gratis verteilt worden sind. Gauck sagt dort, er finde „es nicht hinnehmbar, wenn Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, sich nicht auf Deutsch unterhalten können“. Er sagt nicht, eine solche Unkenntnis der Landessprache unter den älteren Jahrgängen der Bevölkerung des Landes sei bedauerlich, enttäuschend oder ärgerlich. Nein, er sagt: „nicht hinnehmbar“ und hat damit seinen Beitrag zu einer Debatte geleistet, die derzeit das Thema jeder zweiten Talkshow hergibt – der Debatte über die Grenzen der Toleranz.

          Ein nicht hinnehmbares Verhalten muss abgestellt werden. Nur: Welche Sanktionen sollen greifen, wenn ein vor Jahrzehnten aus der Türkei eingewanderter Arbeiter, der seine Arbeit ohne deutsche Konversation verrichten konnte, und seine Ehefrau, die auch kein Deutsch gelernt hat, im Rentenalter keinen Sprachkurs belegen? Ausbürgerung? Bei Nicht-Bürgern: Ausweisung? Zwangseinweisung beim Goethe-Institut? Mit welcher Sanktion, wenn sie schwänzen? Wenn nichts hilft, bleibt nur Verachtung. Thilo Sarrazin skandalisierte einst die angebliche Sprachlernfaulheit der dritten Generation der Deutschtürken, Gauck kritisiert jetzt die erste Generation.

          Die falsche Rücksichtnahme

          Oder meint er es nicht persönlich? Zielt seine drastische Bemerkung gar nicht auf fehlenden Eifer, sondern auf die Beseitigung objektiver Hindernisse des Landesspracherwerbs? Plädiert er für mehr Kursangebote, mehr Anreize für Frauen, auch im vorgerückten Alter noch eine Berufstätigkeit aufzunehmen? Der Kontext seiner Aussage macht diese Lesart unmöglich. Die Interviewer geben mit ihren Fragen den Rahmen vor: Gauck soll sich über die Veränderung des Heimatgefühls unter dem Eindruck der Zuwanderung muslimischer Flüchtlinge äußern. Seine Erklärung, dass fehlendes Deutsch unter länger ansässigen Einwanderern nicht mehr hingenommen werden könne, ist seine Antwort auf die Frage: „Was sagen Sie Menschen, die verhüllte Frauen, Hassprediger oder Sympathiekundgebungen für autoritäre Regime nicht als Bereicherung empfinden?“

          Im fehlenden Deutsch, so Gaucks vierzigmillionenfach verbreitete Botschaft, verraten sich diejenigen, die nicht „bereit sind, das Land, wie es gewachsen ist, und seine Werte zu akzeptieren“. Er setzt hinzu: „Es darf da keine falsche Rücksichtnahme geben, weil man fürchtet, als Fremdenfeind zu gelten.“ Die falsche Rücksichtnahme: auch so eine Floskel, deren tausendfache Wiederholung in Talkshows und Interviews zeigt, wie leidensfähig die deutsche Sprache ist. Gauck spricht, als hätte er alle seine Erfahrungen in der DDR vergessen, in einer despotischen ersten Person Plural. „Wir“ sind es, „die Bürger, die letztlich entscheiden, welche Veränderungen in welchem Tempo wir tatsächlich wollen“. Und „für diese Entscheidung brauchen wir zweierlei: Toleranz und Entschiedenheit“.

          Eine entschiedene Entscheidung wird auf Kosten der Toleranz gehen. Auf diejenigen, die unser „wir“ nicht mitsprechen wollen, ist Druck auszuüben: Gaucks Verständnis von richtiger Rücksichtslosigkeit. Warum mögen Türken, die heute um die sechzig sind, oft nur das nötigste Deutsch gelernt haben? Weil sie hier als Gastarbeiter einsortiert wurden, die bei uns gar nicht heimisch werden sollten. Jahrzehntelange Vernachlässigung hinterher zu übertriebener Rücksichtnahme umzudeuten: In dieser konsequenten Zuspitzung zeigt sich der wahnhafte Zug der „Kritik der reinen Toleranz“ (Henryk M. Broder), die alle sozialen Tatsachen auf den Kampf der Werte reduziert. Dieser verlogene Idealismus ist es, dessen Siegeszug nicht nur in den Talkshows unsere Heimat verändert.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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