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Gauck-Kandidatur : Ein deutscher Sonntag

  • -Aktualisiert am

Verunsicherungsübung trifft Normalitätsrhetorik: Joachim Gauck und Angela Merkel Bild: dapd

Wulff weg, Gauck wieder da, Merkel mittendrin - was war das für ein Tag, als alles anders kam? Ein Rückblick mit Zukunftsaussichten.

          Verweilen wir noch ein wenig bei diesem bemerkenswerten Sonntag. Man erlebt es nicht oft, dass die vertrauten deutschen Wesenszüge - Berechenbarkeit, Stetigkeit, Merkeltreue - so heftig entgleisen, dass es so völlig anders kommt.

          Seltsam war das, so viele Politiker im Kanzleramt zu sehen, als hätten wir eine komplizierte Kollektivregierung wie im ehemaligen Jugoslawien. Und es fehlte eine Partei, ohne die es doch seit Beginn der Republik nicht geht in Deutschland: Es war niemand von der CDU auf der Tribüne, jedenfalls von der alten, westdeutsch-katholisch geprägten Machtpartei. Die protestantische Atomaussteigerin Angela Merkel hatte ja wieder mal eine politische Volte auf Zehenspitzen vollführt, um die sie manche Ballettschülerin beneiden dürfte. Merkel repräsentiert die Union, aber längst auch alle anderen politischen Kräfte, sie ist irgendwie kein Alleinstellungsmerkmal ihrer Partei. Sie ist unionsuntypisch.

          Ohne den Umsturz von 1989 wäre sie nie in politische Führungspositionen gelangt. Den entscheidenden Schub brachte ihr eines jener obskuren westdeutschen Finanzierungsepen, wie sie Christian Wulff zum Verhängnis wurden. Damals war viel von Leo Kirch die Rede, heute von David Groenewold. Schon merkwürdig, dass es immer dieselbe Branche ist, in der sich die starken Männer der Union verlaufen und verfangen. Mit Wulffs Rücktritt und der Nominierung Gaucks ist die alte CDU, der machtbewusste Club schmucker Männer mit seltsamen Brillen, ein Objekt im Museum der versunkenen Parteien geworden.

          Schnurrende Normalitätssuggestionen

          Bald stehen an der Spitze des Staates zwei, die erst der Umsturz eines Systems in die Politik befördert hat. Nicht die Junge Union - die Revolution war ihre Schule. Wobei Joachim Gauck diese, im Unterschied zu Merkel, selbst entscheidend vorangetrieben hat. Wenn er das Wort Risiko benutzt, redet er nicht über Anlagemöglichkeiten. Seine ganze Familie hat im Kampf um die Freiheit mehr aufs Spiel gesetzt als die Mehrheit der Zeitgenossen. Sie folgten darin, vorsichtig formuliert, nicht eben einer deutschen Tradition.

          Die gescheiterte Revolution, die Kontinuität der Macht- und Funktionseliten, die Intervention von außen, der Rückzug in die Nische und die Flucht ins Biedermeier, das sind doch viel eher unsere über Jahrhunderte eingeübten kulturellen Verhaltensmuster. Das hat auch Folgen für die Sprache. Gewohnt sind wir abschnurrende Textbausteine, die beruhigen und Normalität suggerieren sollen. Das versuchte am Sonntag auch Angela Merkel, die sprach, als sei alles von langer Hand geplant, als sei nicht kurz zuvor ihr Plan gescheitert, die Opposition mit der Nennung eines angesehenen Sozialdemokraten unter Zugzwang zu setzen und so ganz trickreich von Gauck abzugrenzen.

          Endlich ein Erwachsener

          Gauck dagegen kommt unerwartet, und er spricht auch so, ein durchdachtes, unverhaspeltes Deutsch. Seine Reden sind Verunsicherungsübungen. Es gibt mit ihm keine gemütlichen Veranstaltungen, bald windet man sich oder will widersprechen, aber so sind die Zeiten, und er weiß, was er tut.

          Mit seiner Nominierung brach sich der Wunsch Bahn, einen Erwachsenen an der Spitze der Republik zu berufen, der schon mal alles riskiert, sich gegen eine totalitäre Macht gestellt und in seinen Büchern über seine Rolle als Sohn, Vater und Ehemann gründlicher nachgedacht hat, als wir es für Personen in öffentlichen Ämtern erwarten. Er muss nicht mit der Behauptung verblüffen, er sei auch nur ein Mensch - er hat längst bedacht und beschrieben, was er für einer ist. Sein eigenes Leben hat er in seinen Erinnerungen „eigentümlich, ganz und gar erstaunlich und manchmal auch geheimnisvoll“ genannt. Das trifft besonders auf die Geschehnisse dieses historischen Sonntags zu.

          Revolution statt politischer Talkshow?

          In manchen Städten gab es Karnevalsumzüge, beispielsweise in Wiesbaden. Man sah, was die Nachbarn, aktive Karnevalisten, den Winter über gebastelt und geprobt haben, wen sie verkörpern wollten, was sie beschäftigte. Man sah Globen, Fratzen, die ganze Welt und nackte Hintern von „denen da oben“. Man sah eine deutsche Kanzlerin, die einem Griechen in die Hose schaut, auf der Suche nach unserem Geld (oder etwas anderem). Es ist ein deutscher Exorzismus, die große Gruppentherapie mit unseren ewigen Themen von Reih und Glied, den närrischen Obrigkeiten, der verklemmten Enthemmung. Seit Kindertagen hat sich nichts daran geändert, der Karneval ist die regulierte Inszenierung von Chaos, der Alltag die chaotische Simulation vor Normalität.

          Der Kandidat Gauck kommt aus der Revolution und aus dem Karneval, mit ihm, seiner Suche nach unseren besten Potenzen, blitzt grell die Möglichkeit des völlig Unerwarteten auf und macht sogar die politische Talkshow im Ersten obsolet, an einem gewöhnlichen deutschen Sonntagabend. Alles könnte anders sein.

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