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Großer Zapfenstreich : Gaucks hochkarätige Musikauswahl

Noch mal winken: Joachim Gauck auf dem Balkon des Rathauses von Lüttich in Belgien Bild: dpa

Zum Abschied ein Lied über Freiheit und ein Ost-West-Schlager: Joachim Gauck bleibt sich beim Großen Zapfenstreich treu. Aber warum sind es ausgerechnet die „Sieben Brücken“?

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          So zusammengewachsen die Bundesrepublik inzwischen auch ist, an einem merkt man die unterschiedlichen Prägungen deutlich: Wenn die Sprache auf „Über sieben Brücken musst du gehn“ kommt, haben die einen Karat und die anderen Peter Maffay im Ohr. Heute Abend spielt es das Stabsmusikkorps der Bundeswehr für den scheidenden Bundespräsidenten, der mit seiner Auswahl ebenso wie viele andere Politiker vor ihm etwas Persönliches zum Ausdruck bringt.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

          Der Große Zapfenstreich ist als letzte Grußbotschaft nicht zu unterschätzen, denn er ist von hoher Symbolkraft. Gerhard Schröder etwa wählte „My Way“ – seht her, ich bin vielleicht nicht jedermanns Liebling, aber ich zieh meinen Stiefel knallhart durch. Karl-Theodor zu Guttenberg entschied sich für „Smoke On the Water“ – okay, ich mag aussehen wie ein Superspießer und hab plagiiert, aber eigentlich bin ich ein total cooler Typ! Am bezeichnendsten war hingegen die Musikauswahl von Christian Wulff, der, um im Militärjargon zu bleiben, unehrenhaft entlassen wurde. Pfeifende und trötende Demonstranten übertönten das Stabsmusikkorps, aber Wulff, und das beschreibt ihn im Nachhinein wohl ganz gut, hatte sich vier Stücke ausgesucht. Nicht drei, wie es Usus ist und von allen vor ihm gehandhabt wurde. Vier. Ihr könnt mich rausschmeißen, sagte diese Entscheidung, aber „Over the Rainbow“ nehm ich noch mit, kostet mich ja nichts!

          Und nun: Gauck mit einer kreuzbraven und gerade deshalb sehr passenden Wahl. Er wünscht sich das Volkslied „Freiheit, die ich meine“, bezieht sich also auf sein Lebensthema. Außerdem „Eine feste Burg ist unser Gott“ von Martin Luther, das ist für einen protestantischen Pfarrer ebenfalls eine naheliegende Wahl. „Über sieben Brücken muss du gehn“ fällt da etwas aus der Reihe, aber nur auf den ersten Blick. Denn einerseits trennt zwar die Erinnerung an die Interpreten Ost und West, aber andererseits war das Lied grenzübergreifend ein großer Hit, den jeder mitsingen kann – zumindest beim Refrain mit seiner wiegenden Ermunterung.

          Dieser Erfolg war allerdings nicht abzusehen. Komponist Ulrich Swillms, Keyboarder der Gruppe Karat, schrieb das Lied für den gleichnamigen Film nach einem Drehbuch von Helmut Richter. Darin liebt die Deutsche Gitta einen Polen, alles ist schwierig und kompliziert, und so denkt Gitta immer wieder bei sich: „Über sieben Brücken musst du gehn.“ Zwei Wochen starrte Swillms 1978 nur auf den Text, bis ihm eine Idee für die Vertonung kam. Karat nahm das Lied im „Europa-Studio Grünau“ auf, laut Swillms war das der hochtrabende Name eines mickrigen Übertragungswagens. Das Zeitfenster hierfür: acht bis zehn Uhr morgens. „Können Sie sich vorstellen, was dabei raus kommt – morgens um acht?“, fragte Swillms später.

          Ein großer ostdeutscher Schlager kam dabei raus. 1980 bat Peter Maffay um Erlaubnis für seine eigene Interpretation des Liedes und machte es in Westdeutschland populär. Nach dem Fall der Mauer traten Peter Maffay und Karat mehrmals gemeinsam mit „Über sieben Brücken musst du gehn“ auf. Die Zuneigung zu diesem Lied verband die Deutschen auf beiden Seiten der Grenze schon lange zuvor.

          Dabei ist es doch ein bisschen düster, ein bisschen traurig: „Manchmal bin ich schon am Morgen müd.“ Aber der Refrain gleicht das aus, er macht das Lied zu einer Durchhaltehymne, die sich gleichzeitig auf die Kindheit wie auf das Älterwerden zu beziehen scheint. „Manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück“, heißt es am Anfang, später dann: „Manchmal sitzt man still auf einer Bank.“ Das wäre einem scheidenden Bundespräsidenten ja durchaus zu wünschen. Und dass andere über die Brücken gehen, die er versucht hat zu bauen.

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