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Gastronomie : Wie gut isst man im Schloss Bellevue?

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Im Schloss Bellevue muss der Höhenflug der Phantasie manchmal Dekoration bleiben Bild: F.A.Z.-Matthias Lüdecke

Joschka Fischer rühmt die Küche des Elysée-Palastes. Wie gut aber wird bei Horst Köhler gekocht? Jürgen Dollase macht die Probe aufs nationale Exempel - und stellt fest: Wenn der Bundespräsident zu Tisch bittet, wird noch nicht auf der Höhe der Zeit gekocht.

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          Normalerweise ist der Staat auf die Spitzenleistungen seiner Bürger stolz. Er hat Ehrungen für sie vorgesehen, die allgemein als Anerkennung und nicht selten als Krönung des Lebenswerkes gesehen werden. Regelmäßig suchen die Spitzen der Politik den Schulterschluss mit Prominenz von allerlei Couleur und lassen es ohne weiteres zu, dass Nähe zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst oder Medien und Staat sichtbar wird. Nur die Kochkunst, deren beste Vertreter jedem internationalen Vergleich standhalten und als kreative Avantgardisten eines enormen Wachstumsmarktes gelten dürfen, klagt über mangelnde Repräsentanz. Wäre es nicht so selbstverständlich wie der Einsatz bester heimischer Limousinen, dass den Gästen des Staates auch der Stand der kulinarischen Künste vorgeführt würde?

          Unlängst gab der Bundespräsident im großen Saal von Schloss Bellevue ein Essen für den ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan aus Anlass von dessen siebzigstem Geburtstag. Eine Veranstaltung dieser Art mit etwa siebzig Gästen ist für die Protokollabteilung des Präsidialamtes ein Mittelding zwischen kleineren Essen mit eher privatem Charakter (wie etwa zum runden Geburtstag eines ehemaligen Bundesministers) und einem Staatsempfang, der nur für Staatsgäste im vollen Glanz ihrer Ämter und Würden vorgesehen ist. Der Rahmen hat aber auch in diesem „mittleren“ Falle eine beachtliche äußere Form.

          Ästhetischer Purismus

          Die Immobilie wirkt extraterritorial, ein bestens gepflegtes und bewachtes Schloss von einem gewissen ästhetischen Purismus. Man ist in Preußen, ohne Zweifel, und wenn „Staat“ so etwas wie das Gegenteil von „Individuum“ ist, dann hat man hier darauf geachtet, dass sich das auch in diesen heiligen Hallen so darstellt. Der große, 1791 von Carl Gotthard Langhans erbaute Ballsaal ist mit seinen beiden Fensterfronten an den Längsseiten hell und luftig, und die beiden riesigen „Farbraumkörper“ von Gotthard Graubner aus dem Jahre 1988 lassen aus den Augenwinkeln betrachtet manchmal eine leichte Ähnlichkeit mit der Palette Monets erkennen. Der Ablauf des Abends ist klar gegliedert; erschienen ist ein routiniertes Publikum vorwiegend aus den Sphären der Außenpolitik und der internationalen Wohltätigkeit.

          Regionale Produkte als Ausdruck patriotischen Willens
          Regionale Produkte als Ausdruck patriotischen Willens : Bild: F.A.Z.-Matthias Lüdecke

          Man kommt knapp vor Beginn des Aperitifs in einen Vorraum und verabschiedet sich nach Kaffee und Digestif an gleicher Stelle. Nach dem Defilée in einem Zwischenraum geht es an die Tische im großen Saal. Ein Riesling-Sekt „Geheimrat J“ des Jahrgangs 2001 vom Weingut Wegeler aus dem Rheingau wird serviert, dann folgen die Ansprache des Bundespräsidenten, der Toast auf den Gast, die Antwort von Kofi Annan, der Toast auf den Bundespräsidenten und die Sache als solche. Vorspeise und Suppe werden aufgetragen, dann bietet eine Sängerin, die ein Saxophonist und ein Pianist begleiten, drei Gospel-Stücke dar. Der Hauptgang wird serviert, es gibt noch einmal einen Auftritt der Sängerin und dann ein Dessert. Kurze Zeit später geht es zum Digestif, und alles ist vorbei. Natürlich liegt über allem ein Hauch von Termin, aber die Veranstaltung hat durchaus eine festliche Form.

          Mehr Sahne für mehr Cremigkeit

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