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Gastbeitrag: Bernard-Henri Lévy : Diese billige Kleidung ist uns zu teuer!

  • -Aktualisiert am

Keine Gewerkschaft, kein internationales Recht schütze die Arbeiterinnen von Rana Plaza. Bild: dpa

Vom Bauunternehmer bis zum Konsumenten: Die Reihe derjenigen, die Schuld haben am Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza vor einem Jahr, ist lang. Ein Besuch auf dem Trümmerberg in Bangladesh.

          Ich war nicht aus diesem Grunde gekommen. Dreiundvierzig Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg Bangladeschs, in dem ich, dem Aufruf André Malraux’ zur Bildung internationaler Brigaden folgend, meine ersten Schritte als engagierter Intellektueller gemacht hatte, sollte ich an diesem Samstag, dem 26.April, eine Stele zur Erinnerung an den Schriftsteller enthüllen.

          Aber davor wollte ich mich – auch wenn ich dazu das offizielle Programm stören musste – einen Augenblick vor den Überresten des Rana Plaza sammeln, jener Textilfabrik, die vor genau einem Jahr zusammengestürzt war und deren neun mit Maschinen vollgestopfte Stockwerke 1129 Arbeiterinnen und Arbeiter unter sich begraben hatten.

          Am frühen Morgen fahren wir zusammen mit dem Leiter der Alliance française, Olivier Litvine, in einen Vorort von Dhaka. Wir erreichen das Ende der verstopften Straße, auf der in einem lauten Hupkonzert bereits Rikschas, uralte Leyland-Busse, Lastwagen mit gewaltigen Rußfahnen, alterslose Autos, Mopeds und mit allerlei Waren überladene Fahrräder miteinander kämpfen.

          Ein Schuttberg ist alles, was geblieben ist

          Wir lassen die Trauben aus Männern und in Saris gekleideten Frauen hinter uns, die sich wie Kamikazepiloten des Asphalts zwischen den Autos hindurchschlängeln, um einen Kramladen, einen auf dem Boden ausgebreiteten Stapel Obst oder ein an einer Straßenecke stehendes Bettelkind zu erreichen.

          Wir gehen in eine Sackgasse hinein, die an einer mit Müll übersäten Freifläche vorbeiführt, an deren Ende, unversehens umrahmt von leprösen, aber immer noch stehenden Wohnblocks, der mit Planierraupen eingeebnete Schuttberg auftaucht – alles, was von der Katastrophe übrig geblieben ist.

          Wir steigen schweigend den Hügel hinauf. Unter unseren Füßen, zwischen den Betonbrocken, schauen Fetzen von Stoff hervor, Bruchstücke von Etiketten in englischer, französischer, italienischer, japanischer oder deutscher Sprache, Knöpfe in allen Farben, an Kleidungsfetzen befestigte Diebstahlsicherungen aus Plastik, Reißverschlüsse – alles was, millimetergenau gearbeitet, die Schaufenster und Regale der Bekleidungsgeschäfte in Europa und anderswo füllt.

          Tragödie der Globalisierung

          Am schlimmsten jedoch: Auf der Spitze dieses Hügels ist eine Aushöhlung von der Größe eines Bombentrichters entstanden, die das Epizentrum der Katastrophe zu bilden scheint und in der armselig wirkende Silhouetten, in der Mehrzahl Frauen, sich zu schaffen machen, die mit bloßen Händen im Schutt graben – ohne dass man genau wüsste, ob sie dort nach Metallgegenständen suchen, die sie nach Gewicht verkaufen können oder ob sie weiterhin die unsinnige Hoffnung hegen, eine der acht Leichen zu finden, die noch unter den Trümmern begraben liegen, weil die Behörden beschlossen haben, die Suche nach ihnen aufzugeben.

          Angesichts dieses Bildes, angesichts dieses dunklen Lochs menschlicher Verzweiflung, dieser oberirdischen Hölle, dieses Anus Mundi, weiß man nicht recht, ob man Trauer, Mitleid, Schrecken oder am Ende doch Zorn empfinden soll.

          Denn dieses moderne Massaker an Unschuldigen, 10000 Kilometer entfernt von den Auslagen westlichen Chics, diese Tragödie der Globalisierung, der noch weitere, viele weitere Tragöden derselben Art folgen werden, wenn man nichts unternimmt, ist weder die Schuld des Schicksals noch ein Unfall, wie man allzu oft gesagt hat.

          Schuld sind die Bauunternehmer, Betonbauer und Eisenflechter, die selbst noch die elementarsten Bau- und Sicherheitsvorschriften missachtet haben, um die Kosten zu drücken.

          Die wahren „fashion victims“

          Schuld sind die zynischen Eigentümer, die ausbeuterischen Fabrikanten, die Kaskaden der Subunternehmer, deren Vorarbeiter diese infamen betrügerischen Praktiken gedeckt haben.

          Schuld sind die kleinen und großen Markenhersteller, die auf dem Rücken dieses wehrlosen Subproletariats florieren und bis auf zwei Firmen keinen Cent Entschädigung an die betroffenen Familien gezahlt haben; der eine verweist auf seinen Zwischenhändler in Bangladesch; der andere auf die Briefkastenfirmen, die er zu seinem Schutz zwischen sich und den kleinen zermalmten Körpern eingerichtet hat; der Dritte argumentiert, dass die Bewertungsregeln für Entschädigungen noch nicht klar genug festgelegt worden seien.

          Bis hin zu den Konsumenten im Westen, die auf der anderen Seite der Erde nur auf den Preis der Waren achten und deren Kaufkraft auf dem Schweiß der in diesen Fabriken Schuftenden beruht. Auch sie sind schuld; auch sie tragen ihren Teil Verantwortung am Skandal dieser T-Shirts, die in Massen unter unwürdigen Bedingungen hergestellt werden.

          Von der Quelle bis zur Mündung, von den Verdammten der Textilindustrie, die vom ehernen Gesetz der Dumpingpreise zermalmt werden, bis hin zu den elegant Gekleideten in der Welt der Glücklichen, die davon profitieren, hat die gesamte Kette des Scheins Anteil an diesem verborgenen Untergrund der Sklaverei und des Schreckens – fashion victims, so nennt man die Liebhaber der Marken und Logos. Dieser Ausdruck ist heute von einer unerträglichen Obszönität, sofern er nicht die wahren Opfer dieses finsteren Geschäfts bezeichnet, dessen Lieferant neben einigen anderen Ländern Bangladesch ist.

          Es wäre schön, wenn unsere Gewerkschaften sich dazu äußerten, die so rasch bei der Hand sind, wenn es um die Verdammung der Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland geht – aber nur, soweit ihre eigenen Mitglieder davon betroffen sind.

          Es wäre schön, wenn internationales Recht sich zu Wort meldete und einschritte; aber obwohl es seit fast einem Jahrhundert eine internationale Übereinkunft gibt, die Zwangsarbeit verbietet, bleibt dieses Recht im Blick auf Bangladesch merkwürdig stumm.

          Vor allem die öffentliche Meinung, oberster Richter in solchen Dingen, kann und muss deutlich machen, dass Profitstreben nicht auf Kosten des Lebens und der Menschenwürde gehen darf – und dass man diese rücksichtslose Konsumorientierung in den Farben des Elends und des Blutes nicht will.

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