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Gary Larson wird siebzig : Sehen Sie nur ja nicht hin!

Gary Larson 1985 vor einem seiner Cartoons Bild: AP

Gary Larson wird heute siebzig Jahre alt. Mit „The Far Side“ hat er die erfolgreichste Cartoonserie aller Zeiten gezeichnet. Obwohl sie schon 1995 beendet wurde, prägt sie bis heute unsere Weltwahrheitswahrnehmung.

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          Dieses siebzig Jahre währende Leben lässt sich umrechnen in siebeneinhalb Kilogramm. So viel wiegt die 2003 erschienene Gesamtausgabe der Cartoonserie „The Far Side“. Sie hat ihren Zeichner, den Amerikaner Gary Larson, berühmt gemacht, aber viel mehr als das weiß man auch gar nicht über ihn. Larson lebt zurückgezogen, es gibt seit 35 Jahren keine Fotos von ihm, und die werktäglich erscheinende „Far Side“ stellte er nach fünfzehn Jahren Laufzeit am 1.Januar 1995 ein. Damals erschien sie weltweit in fast zweitausend Zeitungen und Zeitschriften, in Deutschland war sie vor allem durch den Abdruck im „Stern“ beliebt. Noch heute drucken etliche damalige Kunden alte Folgen einfach immer weiter ab; darin gleicht „The Far Side“ den Comic-Strip-Serien „Peanuts“ und „Calvin & Hobbes“, die auch in Zeitungen weiterlaufen, obwohl es bereits seit Jahrzehnten kein neues Material mehr gibt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Comics wollte Gary Larson nie zeichnen, seine Liebe galt dem Einzelbild. Das kam ihm als Erzählprinzip entgegen, weil ein Comic-Strip mit mehreren Panels ihm abverlangt hätte, Figuren immer wieder exakt gleich zu zeichnen. Larson war Autodidakt, nach einem Studium der Kommunikationswissenschaften (einmal hat er selbst behauptet: der Biologie) versuchte er sich in seinem Heimatstaat Washington als Gag-Zeichner für Lokalzeitungen und betitelte seine Einfälle „Nature’s Way“.

          Darin fand sich schon manches, was später „The Far Side“ prägen sollte, besonders die Verballhornung des menschlichen Supremats über die Natur. Bei Larson agieren auch Tiere wie Menschen, allerdings immer nur in unbeobachteten Momenten und dann leider genauso dumm wie wir. Es ist, als hätte er das idealistische Erkenntnismodell George Berkeleys aus dem achtzehnten Jahrhundert nutzen wollen: Was wir nicht sehen, ist nicht existent. In Larsons Interpretation: Während wir etwas nicht sehen, kann es ganz anders sein, als wir glauben. Dieser Ansatz entspricht weit eher dem gegenwärtigen Weltverständnis der Wissenschaft. Und aus ihm resultierte rasende Komik.

          „Sehen Sie sich vor! Ich bin mit einer Anthropologin verheiratet“

          Das erkannte auch die Tageszeitung „San Francisco Chronicle“, die Larson 1979 vorschlug, für sie einen werktäglichen Comic-Strip zu zeichnen. Aber vom Einzelbildprinzip wollte er nicht abgehen. Und auch eine „stehende Figur“, wie sie ihm anfangs vorgeschlagen wurde, lehnte er ab, denn das hätte sein handwerkliches Problem bei der Sicherstellung kontinuierlicher Figurenähnlichkeit ja noch verschärft. Vielmehr sollte Larson von Episode zu Episode seine Protagonisten wechseln. Umso bemerkenswerter, dass er trotzdem dank charakteristisch dünner Tuschelinien und vor allem der markanten Tischtennisballaugen seiner Figuren einen derart unverwechselbaren Stil schuf, dass er schließlich jede beliebige Gestalt aus Natur- oder Kulturgeschichte zu der seinen machen konnte. Larsons Kühe und Schlangen sind ebenso emblematisch geworden wie seine Höhlenmenschen oder Wissenschaftler. Selbst wenn so populäre Akteure wie Frankenstein, Superman oder die Heiligen Drei Könige ein Gastspiel in der „Far Side“ geben, werden sie sofort zu typischen Larson-Helden – graphisch, aber auch, weil sie hier in ganz anderem Licht gezeigt werden als üblich. Wir sehen ihre uns sonst abgewandte Seite (far side).

          Ausgerechnet zum Finale seiner Serie wurde Larson sich doppelt untreu: Es bestand aus zwei Bildern, und es erzählte von ihm selbst. Im ersten – farbigen – Bild verabschiedet er sich von seiner mittlerweile weltberühmten Figurenmenagerie. Im zweiten, schwarzweißen liegt er dann im Bett, um das sich ein kleines Personenensemble mit den gleichen Gesichtszügen gruppiert, und Larson erzählt wild gestikulierend von einer Traumwelt, in der alle genau so aussähen wie die hier Versammelten aus der richtigen. Das ist in Thema, Wortwahl und Form (der Wechsel von Farbe zu Schwarzweiß) eine Persiflage auf den Film „Der Zauberer von Oz“ und zugleich die profundeste Selbstauskunft, die Larson je gegeben hat.

          Der ebenso aberwitzige wie abgründige Humor der „Far Side“ speist sich gerade aus deren extremer Nähe zu unserem Alltag, und der Zitatenschatz der Serie beschränkt sich nicht auf Hoch- und Popkultur, sondern nutzt auch die Lebenserfahrungen ihres Autors. Als Beispiel mag ein typisch amerikanischer Vorstadtbewohner dienen, der seinen Nachbarn über den Gartenzaun hinweg anfährt: „Sehen Sie sich vor! Ich bin mit einer Anthropologin verheiratet. Die kann Ihnen große Schwierigkeiten bereiten!“ Der oberflächliche Witz dabei: Der gemaßregelte Nachbar ist ein Höhlenmensch. Der untergründige: Gary Larson ist tatsächlich mit einer Anthropologin verheiratet. Die feiert heute irgendwo weit weg von uns mit ihm seinen siebzigsten Geburtstag.

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