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Hochbeet : Auf der Höhe mit frühen Hochkulturen

  • -Aktualisiert am

Mit Schichttechnik zur Rekordgurke: Hochbeete machen sich auch in der Stadt gut. Bild: dpa

Unkraut zupfen ohne bücken: Was den Azteken einst der schlammgefüllte Zaun aus Rohrschilf war, bietet heute als Hochbeet viele Vorteile – und ist sogar stadttauglich.

          2 Min.

          Seit der letzten Jahrtausendwende gibt es ein neues Lifestyleprodukt der Gartenindustrie: das Hochbeet. Diese Beete sind indes keine Erfindung der Postmoderne. Bereits die frühen Hochkulturen kannten sie. Azteken und Maya errichteten Hochbeete in flachen Seen und Sumpfgebieten; zur Befüllung der künstlichen Inseln verwendeten sie fruchtbaren Schlamm. Die Azteken nannten sie „Chinampas“, was „Zaun aus Rohrschilf“ bedeutet und auf die Konstruktion durch Flechtwerk verweist, die durch eine dauerhafte Randbepflanzung mit Weidesträuchern und Wasserpflanzen verstärkt wurde. Heute sind die „Schwimmenden Gärten“ von Xochimilco eine Touristenattraktion in Mexiko-Stadt; sie erinnern immer noch an diese höchst effiziente Form des Anbaus, die die Pflanzen optimal mit Wasser und Nährstoffen versorgte und mehrere Ernten im Jahr ermöglichte. Das ausgeklügelte System intensiver Landwirtschaft garantierte die sichere Versorgung der Bevölkerung. Erst die spanischen Konquistadoren setzten dieser agrarischen Produktionsform ein Ende.

          Auch in Europa zeigte man sich erfinderisch, um Nutzpflanzen bei schwierigen Bodenverhältnissen in Hochbeeten zu kultivieren. Erhöhte Beete wurden mit Natursteinen, Flechtwerk und Eichenplanken eingefasst, aber auch mit Ziegeln, Bleiplatten und Kieferknochen. Das Ziel war die Steigerung des Ertrages. Wurzel-, Frucht- und Blattgemüse, Kohlgewächse und Hülsenfrüchte fanden ihren idealen Platz im Beet.

          Sondermüll statt Biogemüse

          Die Vorteile zum klassischen Beet waren – und sind – offenkundig. Da sich die Erde im Frühjahr rascher erwärmt und bei richtiger Befüllung nährstoffreicher ist, wird die Vegetationsperiode verlängert und der Ertrag verbessert. Unkräuter und Schädlinge haben es schwerer, und schließlich erleichtern die erhöhten Beete das Gärtnern, da man sich beim Pflanzen und Jäten, bei Pflege und Ernte nicht so tief bücken muss.

          Für erfahrene und ambitionierte Gemüsegärtner ist das Hochbeet folglich eine willkommene Ergänzung im Anbau, die allerdings Erfahrung benötigt. Schon bei der Befüllung muss man darauf achten, dass die Versorgung mit Nährstoffen und Wärme durch den Kompostierungsprozess mehrere Jahre anhält. Zuunterst finden Wurzelstöcke und dickere Äste Platz, die man über längere Zeit sammeln sollte; darauf schichtet man Gehölzschnitt, Häckselgut, Staudenstengel und Laub. Die nächste Lage besteht aus Rasensoden oder Stroh. Es folgen grober Kompost oder Stallmist, feiner Kompost und schließlich gesiebte Gartenerde. Legt man das Beet, wie zu empfehlen ist, im Herbst an, kann sich die Füllung über den Winter setzen. Bei der ersten Bepflanzung im Frühjahr sollte man sich für Starkzehrer entscheiden, denn die Erde ist sehr nährstoffreich.

          Schnell zusammengezimmert und überall aufgebaut: Hochbeete in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

          Für viele Gartenbesitzer ist das Hochbeet inzwischen zur schönen Arabeske geworden. Man schaut auf das Beet, nicht mehr auf den Ertrag. Der Dernier Cri ist ein Hochbeet aus Europaletten, die überteuert an jeder Ecke angeboten werden. Aus ökologischer Sicht katastrophal sind die billigen Massenprodukte, die nicht nur Baumärkte und Gartencenter, sondern inzwischen auch Discounter anbieten. Die Konstruktionen aus Fichten- oder Kiefernholz sind durch mangelnden Wasserabfluss und fehlende Belüftung rasch verrottet, und die dünne Teichfolie, die zum vermeintlichen Schutz des Holzes angebracht ist, vermehrt den Plastikmüll. Wer gar mit Chemikalien imprägnierte Bretter zusammenzimmert, tut weder der Umwelt noch sich selbst einen Gefallen: Aus der Kiste kommt kein Biogemüse, sondern Sondermüll!

          Doch auch mit hochwertigen Produkten aus Hartholz, verzinktem Stahl und vormontierter Noppenfolie ist man nicht unbedingt auf der sicheren Seite. Es werden Modelle aus Edelstahl und tropischen Harthölzern zu horrenden Preisen angeboten, die eher der sozialen Distinktion als der gärtnerischen Freude dienen. Selbst bei dem beliebten Holz der widerstandsfähigen Sibirischen Lärche (Larix sibirica) muss man gewärtigen, dass es aus russischen Urwäldern kommt, die nicht umweltgerecht genutzt werden.

          Ohnehin sollte man darüber nachdenken, ob es lohnt, in einem kleinen Garten oder gar auf dem Balkon ein Hochbeet zu errichten. Wenn es im Garten keinen Baumschnitt gibt, kein Kompost angesetzt wird und übers Jahr vor allem Rasenschnitt anfällt, sollte man auf ein Hochbeet eher verzichten.

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