https://www.faz.net/-gqz-9s1se

Der Gammelwurstskandal : Schweineohren, aber dalli!

An der Wursttheke kann einem das Lächeln vergehen. Bild: dpa

Die verdorbenen Würste der Firma Wilke schockieren die Verbraucher. Aber nicht jeder Konsument will einsehen, dass nicht alles ständig verfügbar sein kann.

          2 Min.

          Hier spricht der Wurstwarenendverbraucher. Er verdaut vieles, aber doch nicht alles. Bislang kaute er auf Treu und Glauben, was er mit eigener Hand aus Kunst- und Naturdarm schälte, ohne zu wissen, wer es da hineingestopft hatte. Jetzt hängt die Wursttheke wie ein verschimmeltes Damoklesschwert über ihm. Mehr als tausend verschiedene Produkte hat die Firma Wilke zurückgerufen, praktisch ihre gesamte Warenpalette steht unter Verdacht. Unter mindestens zwölf weiteren Markenbezeichnungen soll das Unternehmen seine gesundheitsgefährdende Gammelwurst in der halben Welt vertrieben haben. Der Staatsanwalt ermittelt wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung. Das zuständige Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz agiert, als hätte es den Gammelfleischskandal des Jahres 2005 nie gegeben.

          Dem Metzger ist auch schon ganz schlecht. Seine Metzgerei liegt neben dem Marktplatz, einen Steinwurf entfernt von Rathaus und Ratskeller, seit über hundert Jahren schon. Samstags geht der Wurstwarenendverbraucher gern über den Marktplatz und ist fast ein wenig erleichtert, dass es auch in Zeiten zunehmenden Online-Handels noch immer Gemüsestände gibt. Beim Metzger stellt er sich ans Ende der kurzen Schlange.

          Die wütende Fleischwurst

          Die Dame vor ihm, die wie eine Dame gekleidet ist, sich aber nicht wie eine Dame zu benehmen weiß, verlangt zehn Schweineohren. Die Schweineohren werden nicht gewünscht, sie werden nicht erbeten, sondern herbeibefohlen. Aus ihr spricht offenbar die Kundenmentalität in einer ihrer widerwärtigen Erscheinungsformen.

          Der Metzger kann nur mit vier Schweineohren dienen. Da wird die Dame rabiat. Sie habe ihren Gästen Schweineohren angekündigt und gedenke nicht, eines schlecht sortierten Metzgers wegen am Abend wie eine Idiotin dazustehen. Da randaliert sie lieber. Jetzt sieht sie aus wie eine wütende Fleischwurst. Der Metzger bittet um Verständnis. Zehn Schweineohren, so leid es ihm tue, da bedürfe es schon einer Vorbestellung. Die Fleischwurst rast: Zehn Schweineohren, und nicht eines weniger! Der Metzger versucht es mit Diplomatie und der Kraft des Arguments. Er schlachte nun einmal höchstens zwei Schweine in der Woche, wo sollten da zehn Schweinsohren herkommen? Der teuer gewandeten Dame, die keine ist, nie eine war, nie eine werden wird, ist das egal: Zehn Schweineohren! Sofort! Da bricht es aus dem Metzger heraus. Er, der soeben noch so freundlich und verständnisvoll aussah, erhebt seine Stimme, und wie von Donnerhall bebt die Metzgerei am Marktplatz, nur einen Steinwurf entfernt von Rathaus und Ratskeller, und dies seit über hundert Jahren schon: Aber das Schweinchen hat doch nur zwei Öhrchen! Es ist der Verzweiflungsschrei eines uralten Handwerks. Er mischt sich unter die Klagerufe über das unbeschreibliche Elend der Massentierhaltung, zu niedrige Fleischpreise, die schlechten Löhne in einer verkommenen, teilweise kriminellen Fleischindustrie und wird, so ist zu befürchten, schon bald wieder vergessen sein.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neuer Kandidat bei Demokraten : Ein Neuer für die Mitte

          Das Feld der demokratischen Präsidentschaftsbewerber ist gut gefüllt. Trotzdem macht nun noch ein Neuer mit. Der Einstieg Deval Patricks hängt auch mit der Unzufriedenheit vieler Großspender mit den bisherigen Kandidaten zusammen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.